„Das verstehe ich nicht“

„Sorry, das ist mir zu hoch.“ Mein Kollege guckt in die Runde. „Ich muss das nicht verstehen, oder?“ In mir brodelt es. Es geht um einen jungen Mann, den ich begleite und langsam kennenlerne. Um einen jungen Mann, der in meinen Augen ganz und gar ein Kerl ist. Sicher, kein testosteronstrotzender Alphamann, aber trotzdem eindeutig ein Kerl. Der Haken an der Sache ist nur: Im Ausweis steht „Svenja“ und nicht „Sven“. Und das scheint in meinem Umfeld für erhebliche Probleme zu sorgen.

Zugegeben: Auch mir passiert es, dass mir das „sie“ herausrutscht. Ich tippe jedes Mal bewusst „Hallo Sven“ in die Tastatur, wohl wissend, dass „Hallo Svenja“ nicht angepasst wäre. Es sind Fehler, die mir – vielleicht auch unbewusst – passieren, weil ich weiß, dass ich biologisch betrachtet eine Frau vor mir habe. Und in dem Körper dieser Frau steckt aus einer grausamen Laune der Natur heraus ein junger Mann. Anfangs dachte ich noch: Ja, hast du mal von gehört. Je näher ich ihn nun kennenlerne, desto deutlicher wird mir, wie grausam es für einen Menschen sein muss, im falschen Körper gefangen zu sein. Und alles, was er mir nach und nach erzählt, führt mich genau zu diesem Schluss: Ein Kampf gegen einen eigenwilligen Körper, der sich zunehmend in ein Geschlechtsgefüge hineinentwickelt, das komplett dem eigenen Gefühl zuwider läuft. Ich kann aus seinen Erzählungen nur erahnen, welche Höllenqualen er hat durchleiden müssen.

Ich bin ehrlich: Ich kann die Situation nicht verstehen. Wie sollte ich auch? Ich weiß, wie es ist, nicht „richtig“ zu sein, aber ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn der ganze Körper „falsch“ ist. Aber ich sehe einen Unterschied zwischen meinem Nicht-Verstehen und dem Nicht-Verstehen meines Kollegen. Denn sein Nicht-Verstehen beinhaltet ein Abstreiten der Tatsachen.  Weil er es nicht versteht, kann es nicht sein und vor allem kann es nicht richtig sein. Das ist… frustrierend. Und wenn es für mich schon frustrierend ist, wie ist es erst dann für Sven?

„Steht er/sie/es eigentlich auf Männer oder Frauen?“, fragt mein Kollege schließlich. Ich hasse dieses „er/sie/es“. Es ist so abwertend. Aber ich kann es dem Kollegen nicht begreifbar machen. Sven hat eine Freundin. „Also ist er/sie/es eine Lesbe?“ Ähm. Nein? So ohne Hintergrundwissen und aus dem Bauch heraus. „Aber die Freundin, die ist lesbisch, ne? Geht ja auch nicht anders.“ So langsam macht der Kollege mich echt fertig. Ist es denn wirklich so schwer, die Menschen einfach SEIN zu lassen? Ist es so tiefgreifend, wenn ein Mann (in einer glücklichen (!) Beziehung mit einer Frau) aufgrund primärer Geschlechtsmerkmale dem weiblichen Geschlecht zugeordnet wurde? Und nun daran arbeitet, Körper und Seele in Einklang zu bringen?

Sven und ich haben einen langen Weg vor uns. Ich habe ihm gesagt, dass ich mir Mühe gebe, aber auch für mich vieles neu ist. Ich habe noch nie den Namen einer Person ändern lassen. Ich weiß nicht, durch welche Phasen wir durchgehen werden, wenn die Hormontherapie beginnt. Ich weiß nicht, wann und wie die geschlechtsangleichenden Operationen anstehen werden und was das mit ihm machen wird. Ich kann ihm nur anbieten, den Weg mit ihm zu gehen. Und mich, wie er, überraschen zu lassen. Von einer für mich fast gänzlich neuen Welt.

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19 Kommentare zu “„Das verstehe ich nicht“

  1. Mic sagt:

    Das klingt, als ob das unglaublich nervenaufreibende, aber auch unsagbar spannende und – hoffentlich – am Ende wahnsinnig befriedigende Arbeit sein wird.

    Ich würde mich freuen, wieder einmal von Sven zu hören!

  2. Forscher sagt:

    Das erlebe ich so oft als Autist, aber auch generell, wenn es um (neue) wissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden geht:

    „Aber ich sehe einen Unterschied zwischen meinem Nicht-Verstehen und dem Nicht-Verstehen meines Kollegen. Denn sein Nicht-Verstehen beinhaltet ein Abstreiten der Tatsachen. Weil er es nicht versteht, kann es nicht sein und vor allem kann es nicht richtig sein. Das ist… frustrierend.“

    Als 47,XXY-Geborener sind Hormonverteilung, Körperbau und zusätzliches X an mir weiblich, auch bin ich sensibler als viele “Kerle“ und erkenne mich in Berichten weiblicher Autisten viel eher wieder als in denen der Männer. Trotzdem bin ich anatomisch ein Mann, und habe diesen fundamentalen Zwiespalt meiner Genderidentität nicht. Ich kenne aber ein paar 47,XXY, die als Mann geboren wurden, aber keine männliche Hormone, sondern weibliche nehmen, und sich eher als Frau betrachten. Oder als Mann unsicher sind, welches Gender sie haben. Leider ein stark tabuisiertes Thema, selbst unter den XXY-Betroffenen :-/

  3. Das ist ein interessantes Thema, was mich auch schon lange umtreibt. Was ist das Geschlecht eines Menschen? Offenbar gibt es ja ein Geschlecht, was unabhängig vom Körper ist. Bei vielen Menschen stimmt das Geschlecht mit den körperlichen Geschlechtsmarkmalen überein, bei manchen nicht. Wie kann ich feststellen, welches Geschlecht ich habe?

    Ich bin mit meinen männlichen Geschlechtsmerkmalen durchaus zufrieden. Also könnte ich mich einfach auf den Standpunkt stellen, daß ich ein Mann bin. Aber andererseits habe ich keine Ahnung, ob ich mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen nicht genauso zufrieden wäre. Wie kann ich da ernsthaft behaupten, ein Mann zu sein?

    Wenn ich Transidenten solche Fragen stelle, bekomme ich zu hören, daß es um den Körper gar nicht geht. Auch jemand, der sich seine männlichen Geschlechtsmerkmale nicht wegmachen lässt, kann eine Frau sein. Es ginge um die Geschlechterrolle.

    Nun bin ich allerdings der Überzeugung, daß es in einer aufgeklärten und gleichberechtigten Gesellschaft gar keine Geschlechterrollen mehr geben darf. Unser soziales Geschlechte sollte doch grundsätzlich Neutrum sein. Ich darf doch nicht nach irgendwelchen Rollenmerkmalen (wie etwa Bekleidung, Frisur, Auftreten, Interessen) Menschen einem Geschlecht zuordnen.

    Die meisten Transidenten, die ich bisher gesprochen habe, sind allerdings beleidigt, wenn ich so etwas sage. Diejenigen, die sich dann nicht von mir abwenden, erzählen mir etwas über das „gefühlte Geschlecht“. Man würde doch fühlen, ob man Mann oder Frau ist. Aber für mich sind die Begriffe „Mann“ und „Frau“ inhaltsleere Worthülsen. Und ich weiß nicht, mit welchen Inhalten ich sie füllen soll. Und vor allem weiß ich nicht, welches Fühlen ich diesen Wörtern zuordnen soll. Wie fühlt man ein Geschlecht?

    Ich akzeptiere, wenn jemand als Mann oder als Frau angeredet werden möchte. Und ich akzeptiere auch, wenn jemand seinen Körper verändern möchte. Aber was da tatsächlich dahintersteckt, habe ich trotz aller Versuche bis heute nicht verstanden. Doch ich möchte es verstehen.

    In dem Deinem Blogpost steht die Formulierung „Um einen jungen Mann, der in meinen Augen ganz und gar ein Kerl ist. Sicher, kein testosteronstrotzender Alphamann, aber trotzdem eindeutig ein Kerl“. Das lässt mich fragen: Woran erkennst Du einen Mann? Was bedeutet „eindeutig ein Kerl“? Was bedeutet das Wort „Kerl“?

    • autzeit sagt:

      Interessante Fragestellung. Da muss ich noch mal drüber nachdenken. Erst mal nur soviel: es gibt bestimmte Verhaltensweisen, die ich – wenn auch nicht nur – erst einmal mit männlichen Attributen belegen würde. Ob diese nun dem biologischen Geschlecht zugrundegelegt sind oder der Erziehung, kann ich nicht sagen, so tief bin ich echt noch nicht in der Materie. Damit meine ich auch nicht demonstrativ männliches Verhalten, sondern eher so Kleinigkeiten, die ich meinen bisherigen (!) Verständnis nach erst mal Männern zuschreibe. Das kann die Art der Bewegung sein, das kann das ungenierte oberkörperfreie Durch-die-Wohnung-spazieren sein, das kann sogar die Art zu sitzen sein. Durchaus möglich, dass diese Verhaltensweisen anerzogen wurden und dem üblichen Rollendenken entspricht. Aber es sind alles Faktoren, die mich auf den ersten Blick dazu führen, ihn als männlich einzuordnen, bis ich das Gesicht sehe, denn das ist (noch) eindeutig feminin. Diese Adaption der Verhaltensweisen – und das macht es für mich vielleicht so verblüffend – wirkt aber auf mich nicht erlernt oder kopiert oder bewusst eingesetzt, sondern, als sei es schon immer so gewesen, als gäbe es keine genderspezifische Erziehung.
      Kann man verstehen, was ich meine?

      • Luka sagt:

        Ich selbst bin Autist UND Frau-zu-Mann transgender 🙂 Das was du beschreibst, mit der Körpersprache, ist für mich einfach wie man ist. Am Anfang wo ich noch sehr unsicher war, habe ich meinen Therapeuten gefragt wie ich denn auf ihn wirken würde, und er hat klar gesagt „wie ein ganz normaler junger Mann“. Es ist in der Tat schwer zu beschreiben, was genau einem denn nun zum Mann macht. Für mich ist es einfach ein inneres Gefühl. In der Kindheit und Jugendzeit war ich jedes Mal irritiert wenn man mich ls Mädchen bezeichnet hat. Es hat für mich keinen Sinn ergeben. Klar wusste ich um meine körperlichen Merkmale bescheid, aber das hatte für mich nichts mit dem Gefühl zu tun, dass ich eben nicht weiblich bin. Mittlerweile bin ich seit ein paar Monaten auf Testosteron und muss sagen, dass es genau das ist was mir mein Leben lang gefehlt hat. Wünsche dir alles Gute dabei Sven zu begleiten. Er kann froh sein eine so tolle Begleitung zu haben. 🙂

      • Diese Einordnung finde ich problematisch. Es gibt auch Frauen, die von ihrer Umgebung als männlich wahrgenommen werden, die aber im Gespräch betonen, eine Frau zu sein. Und sie versuchen dann, sich bewusst dem Rollenbild anzunähern, z.B. durch Tragen eines Rocks, sind damit aber eigentlich unglücklich. Sie tun es nur, um als Frau wahrgenommen zu werden.

        Und ich möchte auch Männern zugestehen, sich zum Beispiel in Rock und High Heels zu kleiden, und dabei weiterhin ein Mann zu sein.

        Andererseits frage ich mich dann aber wieder: Ist das denn überhaupt relevant, ob ich jemanden als Mann oder als Frau bezeichne? Wenn die Begriff „Mann“ und „Frau“ lediglich inhaltsleere Begriffshülsen sind, dann müsste das doch eigentlich völlig egal sein. Interessanterweise sind viele Menschen (ich meine jetzt nicht speziell Transidenten, sondern ganz generell irgendwelche Menschen) beleidigt, wenn man mit dem „falschen“ Personalpronomen über sie spricht oder sie mit der „falschen“ Anrede anspricht. Diese Menschen können mir aber auch auf explizite Nachfrage nicht erklären, warum sie beleidigt sind.

        Natürlich wünsche ich Sven alles Gute für seinen Lebensweg, daß er immer verständnisvolle Menschen um sich hat, und daß er das für sich persönlich Richtige tut. Ich hatte nur gehofft, daß mich die Schilderung dieser Situation der Begriffsdefinition von „Mann“ und „Frau“ näherbringen würde.

  4. aspiemom sagt:

    Ich habe genau das vor Jahren in der Peripherie miterlebt.
    Und ich denke, dass Du genau die richtige bist, die Sven begleitet.
    Ich denke, es wird eine sehr schwierige Zeit kommen, aber in der Summe wird es eine Erfahrung sein, auf die Du später mit Dankbarkeit zurückblickst, weil Du jemanden mit diesem Schicksal begleiten durftest. > weil, wenn es erstmal alles überstanden ist, wird es eine unglaublich positive Geschichte, ganz entgegen dem, was gerade so passiert.

    Der (zunächst) Mann, von dem ich weiß, ist inzwischen eine Frau, komplett, tatsächlich und nicht nur auf dem Papier.
    Er kam aus der Peripherie des Hobbies meines Mannes (Du weißt, was ich meine), mit einem durchaus ‚männlichen‘ Beruf, mit einem durchaus ‚männlichen‘ Hobby. Die Schwierigkeiten , die er gerade in der Gruppe hatte, die mir durch den Kopf geht, müssen wahnsinnig groß gewesen sein. Von Unverständnis, über Frotzeleien, bis hin zu Angst war wohl alles dabei.
    Ich habe damals viele Gespräche mit meinem Mann geführt, weil ich eben dieses Gefrotzel nicht ertragen habe. Ich habe ihm versucht zu erklären, was so unglaublich schwer zu erklären ist.
    Dieser scheinbar so tatsächliche Kerl hat irgendwann angefangen auch Frauenkleider zu tragen und ist so zu den Örtlichkeiten seines Hobbies erschienen… Als ich das damals erfuhr, habe ich gejubelt und ich hoffe, durch mein Verhalten hat zumindest mein Mann seine Haltung überdacht und es gab wenigstens eine Person, der eben nicht gefrotzelt hat.

    Inzwischen ist dieser Mensch, wie erwähnt, endlich das, was die eigentliche Bestimmung ist: eine Frau. Sie hat sich aus dieser Gemeinschaft gelöst, soviel ich weiß, und ist glücklich!
    Aber es waren ganz sicher lange und harte Jahre bis dahin.

    Irgendwie beneide ich Dich um dieser Erfahrung (wobei Du mich kennst und ich denke, Du weißt, wie ich das meine), das ist mit das sinnvollste, was man machen kann: jemand begleiten, der sich gefunden hat, aber tatsächlich dafür kämpfen muss, dies auch in das reale, anfassbare, existierende, lebbare umzusetzen.

    Ach ja: die Männer: ich denke, es ist viel Angst dabei. Ähnlich der Homophobie. Ich denke, viele Männer haben Angst vor den ‚Männern‘, die nicht das testosteronlastige Leben leben. Du weißt doch: alles was anders ist, macht Angst. Sich damit auseinander zu setzen, ist nicht allen möglich. Eine Möglichkeit wäre: lass Dir von Deinem Kollegen beschreiben, warum er scheinbar Angst vor sowas hat, wo seine Unsicherheiten liegen, was seine Abwehr begründet. Auf DIE Antworten wäre ich gespannt.

  5. Frau Anders sagt:

    Ich wünsche mir auch immer eine denktechnisch genderbefreite weltoffene Person zu sein, denn eigentlich ist es mir wirklich latte wer sich nun wie fühlt oder wie aussieht, weil ich Menschen mag oder eben nicht. Dennoch kann ich mich nicht immer schnell mal frei machen von „Gewohnheiten“ und Erlerntem. Das tut mir dann immer voll leid, wenn ich mal wieder in ein Fettnäpfchen trete und häufig ist die Reaktion darauf immer sehr heftig negativ. Es schmerzt mich, wenn ich anderen Schmerzen zubereite aus reiner Gedankenlosigkeit. Wahrscheinlich WEIL so viele noch ganz anders damit umgehen als ich, löst es so heftige Reaktionen aus. Ich habe 2 Menschen auf ihrem Weg zur Frau über viele Jahre eng begleitet. Ich habe jahrelang einen besten Freund gehabt der nun plötzlich eine Frau ist und einen komplett anderen Namen hat. Für mich ist der Mensch gleichgeblieben, bis auf ein paar hormonöse Veränderungen die sich auch im Inneren bemerkbar machen, aber es fällt mir selbst nach einigen Jahren immer noch sehr schwer mich an den neuen Namen zu gewöhnen. Das tut mir immer voll leid, denn genau das will ich ja gar nicht. Ich will sie in allem offen an- und aufnehmen, aber ich scheitere an meinen eigenen dummen Gewohnheiten. Aber eines mach ich anders als andere: ich rede darüber, wo und warum es manchmal bei mir hakt und so haben wir gemeinsam einen neuen „Kosenamen“ erfunden, der gefällt und der bei mir gut rutscht und den nur wir beide benutzen miteinander. Ich frage mich oft, wie der Umgang eigentlich richtig ist. Ich bin ja immer so schweineneugierig und frage gerne aus wirklichem Interesse. Aber fragen nicht alle andauernd so Kram und nervt das nicht total? Hmm…

  6. autzeit sagt:

    Genau das ist es. Er wirkt wie ein ganz normaler junger Mann, dem man draußen auf der Straße begegnet. Und genau das führt mich auch zu der Überzeugung, dass es eben nicht – wie manche meinen – „krank“ oder „eine Phase“ ist. Sondern er IST ein Mann. Nur der Kopf ist bei mir immer mal wieder verwirrt 🙂

    Danke für die netten Worte. Ich bin gespannt, was noch kommen wird, und hoffe, ihm auch wirklich eine Hilfe sein zu können.

  7. kranzkrone sagt:

    Ein sehr interessantes Thema, mit anbei schon vielen nachdenken Kommentaren. Ich möchte auch gerne mehr noch zu dem Werdegang dieses Menschen erfahren, sofern sich da neue Momente ergeben.

  8. Reiner Sauer sagt:

    Viele tausend Jahre Kulturgeschichte haben nicht nur die Erdoberfläche erheblich verwüstet, auch das Gehirn des Menschen, wie aller Haustiere, ist durch systematische Selektion von willigen und gehorsamen Nachkommen, erheblich verwüstet worden. Nicht nur das Geschlecht eines Menschen wird vom Gehirn bestimmt. Einen „freien Willen“ Männlein oder Weiblein zu sein gibt es nicht! Wir können zwar Denken was wir wollen und Hirngespinste als Handlungsgrundlage benutzen, die Realität zwingt uns aber dazu in der Wirklichkeit zu bleiben oder zu sterben! An sich herumbasteln ist keine Lösung, sondern Flucht vor der Realität!

  9. Das ist schön gesagt, daß man die Realität akzeptieren muß, die das Gehirn einem vermittelt. Und daß man nicht versuchen soll, mit so etwas wie „freiem Willen“ an seinen Gefühlen und Empfindungen herumzubasteln. Das Problem ist aber: Das Gehirn äußert sich nicht in klaren Begriffen. Und es schreibt uns auch keine Erläuterungen oder Ausführungsbestimmungen.

    Nehmen wir doch als Beispiel mal die sexuelle Orientierung. Auch die wird ja nicht durch den „freien Willen“ bewusst entschieden, sondern wohnt dem Menschen inne.

    Nun sagt das Gehirn aber nicht explizit „Du bist schwul/lesbisch“ oder „Du bist heterosexuell“. Sondern man merkt im Laufe der Zeit, welche Menschen man attraktiv findet, zu welchen Menschen man sich hingezogen fühlt, in welche Menschen man sich verliebt. Und anhand dieser Signale kann man daraus seine Schlußfolgerung ziehen, wie z.B. „Mein Gehirn scheint mir mitteilen zu wollen, daß ich bisexuell bin“. Und dann soll man nicht an seinen Gefühlen herumbasteln, sondern diese Realität akzeptieren.

    Aber welche Signale sendet mir mein Gehirn, die eine Zuordnung zu einem Geschlecht bedeutet? Es gibt ja kein Signalbuch, wo ich nachschlagen könnte, wie die Gefühlswelt unseres Gehirns Mann-Sein bzw. Frau-Sein codiert. Oder soll ich aus der Tatsache, daß ich mit den Begriffen „Mann“ bzw. „Frau“ nicht wirklich etwas anzufangen weiß, die Schlußfolgerung ziehen „Mein Gehirn scheint mir mitteilen zu wollen, daß ich ein Hermaphrodit bin“? Ist das die Realität, vor der ich nicht fliehen soll?

    Was fühlen im Gegensatz zu mir solche Menschen, die sich selbst eindeutig als „Mann“ bzw. „Frau“ bezeichnen? Welche Signale bekommen diese von ihrem Gehirn?

  10. Reiner Sauer sagt:

    Du kannst es Fühlen!
    Sobald das Gehirn Signale sendet kannst du es Fühlen. Der Rest ist Erfahrung. Und ob du Hermaphrodit, Hetero, Homo, oder A-Sexuell oder alles zusammen bist, ist nicht wichtig, folge deinem Gefühl und tritt keinem auf die Füße. Vertrau dir, wem sonst?

    • Ich fühle keine Begriffe. Denn nichts anders sind „Mann“ und „Frau“: Zwei Begriffe der deutschen Sprache, deren Bedeutung mir bisher noch niemand verständlich erklären konnte. Aber ich finde es auch nicht richtig, einfach zu sagen „Es ist nicht wichtig“ oder „Die Frage stellt sich nicht“ und sich deshalb gar nicht damit zu beschäftigen.

      Für mein tägliches Leben ist z.B. auch die Quantenphysik nicht wichtig. Ich könnte mein ganzes Leben gestalten ohne ein einziges Mal über Quantenphysik nachzudenken. Ich gehe arbeiten, ich gestalte meine Freizeit, ich gehe einkaufen, alles funktioniert ohne Wissen über Quantenphysik. Aber ich bin doch wissbegierig. Ich möchte wissen, woraus unsere Welt in ihrem Innersten besteht. Ich möchte wissen, was Materien eigentlich ist. Ich möchte wissen, wie Raum und Zeit entstanden sind und wie sie zusammenhängen. Also interessiere ich mich für Quantenphysik.

      Und ich könnte auch mein ganzes Leben gestalten ohne ein einziges Mal über „Mann“ und „Frau“ nachzudenken. Ich nehme für meine Selbstbezeichnung einfach den Begriff, der in meinem Personalausweis steht, also „Mann“. Aber im Grunde ist es mir egal, ich könnte genausogut als „Frau“ bezeichnet werden. Ich bin im Wesentlichen mit dem zufrieden, was mein Körper mir sexuell bietet. Und auch die Menschen, mit denen ich Sex habe, sind damit meist ganz zufrieden. Ich könnte also mein Leben einfach so laufen lassen ohne weiter darüber nachzudenken.

      Aber andererseits nehme ich wahr, daß in unsere Gesellschaft ein riesiger Bohei gemacht wird um die Begriffe „Mann“ und „Frau“. Menschen fühlen sich beleidigt, wenn man sie anders anredet als sie es wollen. Und dann gibt es Menschen, die davon überzeugt sind, dem Geschlecht anzugehören, das nicht in ihrem Personalausweis steht und das nicht ihren körperlichen Merkmalen entspricht. Also müssen die Begriffe „Mann“ und „Frau“ doch eine wahnsinnig wichtige Bedeutung haben! Und ich stehe dumm da und kann nicht mitreden.

      Also interessiere ich mich für die Begriffe „Mann“ und „Frau“. Aber ich kann keine Begriffe fühlen. Genauso kann ich auch keine Quantenphysik fühlen. Sondern ich lese Erklärung und wissenschaftliche Abhandlungen über Quantenphysik. Und in ähnlicher Weise hoffe ich darauf, irgendwann mal einem Menschen zu begegnen, der mir auch die Begriffe „Mann“ und „Frau“ für mich verständlich und widerspruchsfrei erklärt.

      • Reiner Sauer sagt:

        Deine Antwort gefällt mir!
        Mit Fühlen meinte ich, wenn du (als Mann) einer Frau begegnest, die ein Gefühl in dir weckt, dann fühlst du dich, dann fühlst du dein Geschlecht im wahrsten Sinne des Wortes!
        Ich kann nur versuchen zu erklären was ich unter den Begriffen Mann und Frau verstehe. Das tue ich vom Standpunkt eines Mannes aus. Warum ich ein Mann bin? Nun ich kann keine Kinder gebären und ich habe keine Brüste um ein Kind zu ernähren. Ich bin ein Mann weil ich keine Frau bin, die Mutter sein kann. Braucht es mehr? Gut ich bin auch männlich, weil ich fähig bin mit einer Frau zusammen dafür zu sorgen, dass das ewige Leben weiter geht. Jedes Kind hat zwei Eltern, dass sollte sich ja mittlerweile auf diesem Planeten herumgesprochen haben. Zwei Eltern. Ein Mann und eine Frau, wenn sie gesund sind, können sie ein Verschmelzungsprodukt erzeugen, das wir Kind nennen. So geht das Leben weiter. Diesen Vorgang können nur ein Mann und eine Frau in Gang setzen. Mann und Mann funktioniert nicht, Frau und Frau funktioniert auch nicht. Es kommt nix dabei heraus. Nur Mann und Frau gemeinsam können Eltern sein. So hat die Natur das in Millionen Jahren Evolution perfekt eingerichtet.
        Mehr braucht es für mich nicht um Mann und Frau eindeutig zu unterscheiden. Die Begriffe „Mann“ und „Frau“ bezeichnen zwei unterschiedliche Körper mit unterschiedlichen Merkmalen und Fähigkeiten. Der Mann ist der „Gegenpart“ zu einer Frau und beide zusammen können Eltern sein.
        Die Begriffe Mann und Frau habe ich auswendig gelernt. Es sind Begriffe, die in der vieltausend Jahre alten Entwicklung des Bewusstseins erfunden wurden.
        Der Bohei der gemacht wird bezieht sich nicht auf die natürlichen biologischen Fähigkeiten. Die sind nicht änderbar. Der Wahn bezieht sich auf den Status von Mann und Frau und das ist eine ganz andere Sache.
        Wenn ich sage, „Worte sind keine Steine“, die können nicht verletzen, dann ernte ich erheblichen Widerspruch.
        So wie es dir egal ist ob Mann oder Frau das Wort ist, mit dem du bezeichnet wirst, was für dein gesundes Selbstvertrauen spricht ! so ist das vielen eben nicht egal, weil sie ihren Status=Wert gefährdet sehen. Einen Mann eine Frau zu nennen ruft in manchen Vertretern der Zunft deutliche Aggressionen hervor. Sie verstehen Mann-Sein als Status, als Machtattribut und nicht als rein biologisches Merkmal. Das ist so als würde man ein solches Exemplar mit „dumm wie eine Blondine“ bezeichnen. Ein vollkommen nichtssagender Satz ohne jede reale Grundlage. Trotzdem zeigen diese sinnlosen Worte Wirkung und verursachen „Schmerzen“ in bestimmten Gehirnen.
        schöne Tage und weiter frohes Forschen.
        Goethe, ein deutscher Tölpel ganz besonderer Güte, schrieb einmal:
        „Es glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was Denken lassen“…
        Und so reden sie und reden und reden und reden…

  11. Reiner Sauer sagt:

    Nachtrag:
    „Was fühlen im Gegensatz zu mir solche Menschen, die sich selbst eindeutig als “Mann” bzw. “Frau” bezeichnen? Welche Signale bekommen diese von ihrem Gehirn?“
    Keine!
    „Mir“ stellt sich die Frage, Mann, Frau oder was auch immer, nicht.
    Es gibt keine Diskrepanz zwischen Körper, Fühlen und Denken.

  12. Reiner Sauer sagt:

    Noch ein Tip zur Arbeitsweise des Gehirns: Oliver Sacks, Der Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte.

    • Oh Schreck, noch jemand, der in 2015 gestorben ist! Da will ich mich einfach kundig machen über den Autoren Oliver Sacks, und dann lese ich bei Wikipedia: Gestorben am 30. August 2015.

      Ich habe im Juli dieses Jahres auf http://www.2n-1.de/denkmaschinen.html eine Buchbesprechung von „Knaurs Buch der Denkmaschinen“ veröffentlicht. In diesem Buch sind sehr viele Illustrationen von Klaus Bürgle. Zeichnung von Klaus Bürgle hat bestimmt jeder schon mal gesehen, der sich für Zukunftsvisionen interessiert. Sie zeigen zum Beispiel von Einschienenbahnen durchzogene Städte oder Schnittzeichnungen mit U-Bahnen auf vielen Ebenen, es sind eindrucksvolle Dokumente der Zukunftsvisionen der 1950er- bis 1970er-Jahre. Und dann las ich plötzlich bei Wikipedia, daß Klaus Bürgle wenige Tage zuvor verstorben war (am 30. Juni 2015).

      Und bereits am 23. Mai 2015 ist der Mathematiker John Forbes Nash gestorben, der wichtige Beiträge zur Spieltheorie geleistet hat.

      Da sterben Menschen, die wichtige Beiträge zum Verständnis der Welt geliefert haben, einfach weg, und niemand nimmt davon Notiz. Weder zum Tod von John Forbes Nash noch zum Tod von Klaus Bürgle habe ich etwas in der Zeitung gelesen. Und auch der 200. Geburtstag der bedeutenden Mathematikerin und ersten Programmiererin Ada Lovelace am 10. Dezember 2015 wurde großflächig ignoriert. Es ist ein Trauerspiel!

      Immerhin: Der Tod von Ellis Kaut, Max Kruse und Guru Josh ist in den Zeitungen angekommen. Sie verschwinden nicht ganz so in der öffentlichen Unsichtbarkeit wie Personen aus Mathematik und Technik.

      Sorry für off-topic. Aber vielleicht kann ich es noch nach on-topic retten, wenn ich darauf hinweise, daß Ada Lovelace auch zur Gender-Thematik passt. Sie war zeitlebens mit ihrer Rolle als Frau unzufrieden, und sie fühle sich als schlechte Mutter. Und vielleicht hatte sie auch das Gefühl, auf dem falschen Planeten zu leben.

  13. Stiller sagt:

    Vielleicht ist es nicht nicht wichtig, was ich hier sehe:

    Du schreibst über deinen Kollegen:
    „Ist es denn wirklich so schwer, die Menschen einfach SEIN zu lassen?“
    Ich habe den Eindruck, dass moralische Entrüstung in diesem Satz steckt.

    In welchem Maße gelingt es dir, deinen Kollegen einfach SEIN zu lassen?

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