Passierschein A38

Es ist bestimmt schon einige Jahre her, dass ich „Asterix und Obelix“ gesehen habe. Doch bei dieser Begebenheit kam mir die verzweifelte Suche nach dem Passierschein A38 in den Sinn. Für alle, die gerade so keinen Schimmer haben, wovon ich spreche: Willkommen im Haus, das Verrückte macht.

Mein persönlicher Passierschein A38 trägt allerdings einen geringfügig abgewandelten Namen: „Krankentransportschein“.

Mein Klient befand sich bereits seit mehreren Tagen in einem nicht klaren Bewusstseinszustand, herbeigeführt durch exzessiven, vorwiegend flüssigen Substanzmissbrauch. Die Situation war ernst und schließlich war er bereit, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Alles war organisiert: Das Bett im Krankenhaus, die Fahrt dorthin, eine Tasche für ihn im Schnellverfahren, bestehend aus den Dingen, die da eben noch einigermaßen den Kriterien der Sauberkeit entsprachen, gepackt. Als ich am Morgen des großen Tages ankam, traf ich meinen Klienten in einem weniger guten Zustand vor: Da er durchaus therapiemotiviert war, hatte er sich am Tag zuvor entschlossen, nicht mehr zu konsumieren – und befand sich nun in einem akuten Entzug inklusive Delirium mit Halluzinationen und allem, was so dazugehört. Ein wie von uns eigentlich geplanter Transport ins Krankenhaus war SO nicht möglich. Im Gegenteil: Ich verabschiedete mich schon mal von meiner Planung und dem mühsam organisierten Bett, denn hier lag nun ein eindeutig anderer – und lebensbedrohlicher – Zustand vor. Ich alarmierte den Rettungsdienst. Ganz klassisch, über die 112. Bis dahin verlief alles noch den Umständen entsprechend normal. Nicht ganz sechzig Sekunden später klingelte mein Handy. Am Apparat: Der Disponent der Leitstelle, der mich nach einem Passierschein A… entschuldigung, nach einem Krankentransportschein fragte. Bitte, ein was? Man erklärte mir, dass der Klient durchaus mit seinem Problem bekannt sei. Ja, das wusste ich. Mir erschloss sich der Rückruf immer noch nicht. Auf Nachfrage teilte mir der Disponent mit, dass man ihn nur nach Vorlage eines Krankentransportscheins irgendwohin bringen werde. Ich verwies auf das Delir und den durchaus ernsten Zustand meines Klienten. Der Disponent blieb hart: Auf die Entfernung könne er das nicht beurteilen (ich aber schon!) und der Rettungswagen würde erst ausrücken (O-Ton): „wenn Sie einen Krankentransportschein vorlegen oder sich bereit erklären, die 500 Euro Transportkosten in bar vor Ort direkt zu begleichen.“ Ist klar… Mein Klient erschlug derweil imaginäre weiße Mäuse in seiner zugemüllten Wohnung und ich war so angenervt und auch ratlos, dass ich eben den Hausarzt meines Klienten aufsuchte, um besagten Passier… Krankentransportschein zu erhalten.

In der Praxis schaute mich eine verzweifelte Arzthelferin an. Der Computer war abgestürzt und ließ sich nicht mehr hochfahren – ich konnte weder ein Rezept noch eine Überweisung noch einen Krankentransportschein erhalten. „Rufen Sie die Klinik an“, war der dortige Rat. Ein Anruf in der Klinik brachte viel Mitgefühl, aber auch nur Ratlosigkeit. Als Krankenhaus dürfe man einen solchen Krankentransportschein nicht ausstellen. Da stand ich nun auf der Straße, kein Transportschein, ein deliranter Klient und ein Rettungsdienst, der sich weigerte, anzufahren. Ein erneuter Anruf bei der Leitstelle, denn schließlich war mein Klient Privatpatient und bekäme so oder so eine Rechnung über den Transport zugestellt – keine Chance. Kein Krankentransportschein, keine Unterstützung. In Gedanken sah ich mich bereits mit einer Axt in die Leitstelle stürmen. Auf der Straße blieb ich allerdings ruhig stehen und sah plötzlich, dass gegenüber des Hausarztes eine weitere Arztpraxis war. Auf gut Glück marschierte ich dort hinein und traf zufällig den Arzt neben der Sprechstundenhilfe an. Dieser ließ sich den Zustand meines Klienten genau beschreiben und teilte meine Einschätzung, dass hier eine ernste Situation vorliegt. Um den renitenten Disponenten auf der Leitstelle dazu zu bewegen, endlich die nötigen Einsatzkräfte rauszuschicken, rief der Arzt persönlich (!) auf der Leitstelle an – nur um zwei Minuten später mit einem „Das habe ich noch nie erlebt“, aufzulegen. Denn auch er hatte die Antwort bekommen: Kein Krankentransportschein – keine Hilfe.

Immerhin: Der Arzt war so nett, für einen ihm unbekannten Patienten auf die Schnelle unkompliziert und unbürokratisch einen Krankentransportschein und eine Überweisung ins Krankenhaus auszustellen. Wieder Rückruf an die Leitstelle, der Schein liegt vor. „Wir sind in zehn Minuten da“, schallte es mir gut gelaunt entgegen.

Und tatsächlich: Als ich bei der Wohnung meines Klienten eintraf, den Papiermist in der Hand, bog ein Krankenwagen um die Ecke.

Die ganze Aktion dauerte über zwei Stunden. Als wir endlich glücklich im Krankenhaus eintrafen und mein Patient als Notfall – und eben nicht als regulärer Patient – aufgenommen worden war, konnte sich einer der beiden sehr freundlichen Helfer die Frage nicht verkneifen, warum ich denn bei diesem Zustand überhaupt einen Krankentransport gewollt hätte. Schließlich läge jede Rechtfertigung für einen Notfall vor. Irgendwo zwischen Schnappatmung und halbem Herzinfarkt bekam er den Frust der letzten zwei Stunden ab. Nur um dann seufzend zu gestehen, dass solche Geschichten immer wieder erlebt werden würden. Und zwar nicht nur bei scheinbar „selbst verschuldeten Notfällen“ (was in meinen Augen eigentlich nichts am „Notfall“ an sich ändert…), sondern auch bei internistischen u. a. Notfällen, bei denen Patienten auf einen Samstagmorgen gebeten wurden, erst ihren Hausarzt aufzusuchen, bevor sie einen Rettungswagen alarmieren.

Immerhin: Mein Klient ist auf dem Weg der Besserung. Und weiterhin therapiemotiviert. Solange niemand den Passierschein A38 fordert.

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8 Kommentare zu “Passierschein A38

  1. Mic sagt:

    Immer dann, wenn man denkt, man habe schon alles erlebt oder gelesen …

  2. random sagt:

    Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung?

    • autzeit sagt:

      Ist im Gespräch. Chef macht sich schlau, was geht.

    • Zumindest für den nächsten Fall ähnlicher Art:
      „Ihr Name bitte?“
      – „Warum?“
      „Egal, das kriegen wir anhand ihres Diestprotokolles raus.
      Wir machen jetzt Folgendes: Sie schicken sofort den RTW hierher.
      Ich filme unterdessen zu Beweiszwecken den Patienten.
      In spätestens 15 Minuten ist ihr Wagen hier und bringt den Patienten in die Klinik. Wenn der Wagen nicht innerhalb des genannten Zeitraumes hier ist, benachrichtige ich die Polizei, stelle Strafantrag wengen unterlassener Hilfeleistung, verbunden mit der Bitte, den Amtsarzt und diensthabenden Gerichtsmediziner als Zeugen einzubestellen.
      Verstanden?
      Wiederholen sie bitte!“
      – „Ähm, ja…“

  3. aspiemom sagt:

    krasser Scheiß.
    Ich würde das ganz genau so machen: Eine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung PLUS einer Dienstaufsichtsbeschwerde. Zeugen genug hast Du!!!!

    • autzeit sagt:

      Die Klinik hat mir auch die Krankmeldung in die Hand gedrückt, wo sowohl der Entzug als auch das Delirium sowie eine beginnende Psychose aufgeführt ist. Wie gesagt: Chef und ich schauen nächste Woche, was geht.

    • Daniel sagt:

      Ich habe während des Lesens auch direkt an unterlassene Hilfeleistung gedacht. Daß man wegen eines Notfalls die 112 ruft, und dann weigert sich die Leitstelle, einen Krankenwagen zu schicken, das ist wirklich ein starkes Stück.

      Ich hätte dann direkt die 110 (also die Polizei) angerufen, um die Situation dort direkt zu melden. Meine Erwartung wäre gewesen, daß die Polizei entweder den Rettungsdienst dazu bringt, einen Krankenwagen zu schicken, oder daß sie den Kranken selbst zum Krankenhaus bringt. Auf jeden Fall wäre der Vorfall dann sofort aktenkundig geworden.

      Oder bin ich zu naiv in meinem Vertrauen auf die Polizei?

  4. Reiner Sauer sagt:

    Da hilft nur Öffentlichkeit, also Schreiben und Klarnamen!
    Da das keine Zeitung vor Ort veröffentlichen wird, weil das „normal“ ist und alle überaus anständige Leute sind…
    bleibt dir nichts anderes als Sammeln und ein Buch schreiben.

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