Dilemma

„Sag mal, darf man eigentlich Klienten aufgrund deren politischer Gesinnung ablehnen?“ Die Frage eines Kollegen bringt mich kurz ins Stutzen. Bei näherem Nachfragen stellt sich heraus: In einem sozialen System, das Familien bei Schwierigkeiten unterstützt, ist die ihm zugeteilte Familie nun aufgefallen durch massive fremdenfeindliche Äußerungen im Angesicht der Debatten um Flüchtlinge. Das Ganze nicht im Zuge einer lösungsorientierten Diskussion, sondern eher „nebenbei“ im Sinne eines „Was wir schon immer mal sagen wollten“, als wäre es vollkommen normal, externen Helfern solche Äußerungen um die Ohren geschlagen werden. Dabei wurde nicht gespart mit Beschimpfungen, Stammtischparolen und Relativierungen im Sinne eines „Normalerweise sage ich das ja nicht, aber…“

Ich gestehe: Ich habe keine Antwort auf die Frage. Weder mein Kollege noch ich sind Ärzte, also zur Behandlung verpflichtet. Aber dürfen wir trotzdem Hilfe verweigern, wenn eine Familie nicht wirklich Einsicht hat in ihr fremdenfeindliches Gedankengut?

Nach meinem ersten Impuls wird mir zunehmend die Vielschichtigkeit des Problems bewusst. Es widerstrebt mir, Menschen mittels eines Sozialsystems zu helfen, die diese Hilfe anderen Menschen versagen, weil sie (folgende Worte stammen NICHT von mir) „Nigger, Spackos, Mongos und Baumwollpflüger“ sind. Aber wäre ich besser, wenn ich Hilfe versage, weil die Person, die Hilfe braucht, fremdenfeindlich ist?

Zugegeben: Ich bin ratlos. Und das musste ich auch meinem Kollegen sagen. Ich weiß es nicht. Noch nicht, hoffe ich…

Advertisements

9 Kommentare zu “Dilemma

  1. Mic sagt:

    Das ist ein echtes Dilemma und man wandelt auf einem sehr schmalen Grad. Spontan würde ich sagen, dass man als Vertreter eines unterstützenden Hilfesystems nicht einfach sagen kann, dass man die Familie nicht mehr unterstützen möchte. Aber evtl. gibt es da Regelungen in den Vorschriften dieses Unterstützers? Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass moralische Bedenken – und um so etwas handelt es sich ja im weitesten Sinn – ausreichen um rechtssicher der Familie die Unterstützung zu verweigern

    • autzeit sagt:

      Es ist tatsächlich Sache des Familienhelfers. Der darf ebenso die Zusammenarbeit mit der Familie aufkündigen wie die Familie selbst. Dann kommt eben ein neuer Familienhelfer rein.

  2. Ich denke, solche Leute brauchen ganz besonders Hilfe und Unterstützung. Natürlich sollten sie bereit sein, einer anderen Sicht auch zuzuhören. Aber wenn man sie von vorneherein ablehnt ohne sie kennengelernt zu haben, stellt man sich aus meiner Sicht auf die gleiche Stufe, nämlich anderen mit Vorurteilen zu begegnen.

  3. Elsa L'Vadore sagt:

    Ist es möglich, etwas in Richtung „Über dieses Thema möchte ich an dieser Stelle nicht diskutieren“ zu sagen und sich auf den Bereich zu konzentrieren, für den man im engeren Sinne zuständig ist und nur dort helfen? Die einem zugeteilten hilfsbedürftigen Familien sind nicht in jedem Falle schöne, kluge Menschen, da kann auch mal jemand mit einem zweifelhaften Verhältnis zur Hygiene oder wie hier ein Fremdenfeind dabei sein. Ist nicht angenehm, aber auch diese Leute brauchen Hilfe, sonst wären sie keine (potenziellen) Klienten.

  4. Anita sagt:

    Die Frage ist, kann ich die Person, die mir da gegenüber sitzt und solche „Sprüche“ ablässt, erreichen.

    Sagt sie dies auch vor zB Kindern und wie reagiert sie, wenn man sie darauf hinweist, dass man diese Sprüche nicht ertragen kann.

    Denn ich könnte definitiv nicht den Mund halten.

    Wenn ein Gespräch entsteht, was nicht bei den Stammtischparolen stehenbleibt und das Bewusstsein erweitert, wäre das klasse.

    Denn diese Parolen geben durchaus einen Einblick in den Umgang mit Menschen generell und manchmal leider auch in den Umgang mit den eigenen Kindern dieser Personen.

    LG Anita

  5. Reiner Sauer sagt:

    Geht es um Kinder? Dann sollte das keine Frage sein, sondern eine Aufgabe den Kindern beizustehen.

  6. Ralf sagt:

    Prozentual regen sich mehr gutverdienende über die Flüchtlinge auf als bedürftige Personen.( ist nur mein Gefühl keine Statistik )
    Die Angst von bedürftigen Personen, dass für sie noch weniger übrig bleibt wenn der Fokus so sehr auf den Flüchtlingen bleibt, ist vermutlich nicht ganz unbegründet.
    Ich habe also ein gewisses Verständniss für eine solche Reaktion.
    Der Famile würde ich klar machen dass.
    1) ich die Unterstützung Freiwillig bzw Ehrenamtlich gebe.
    2) Ich niemanden vorziehe nur weil er an einem anderen Art geboren wurde.
    3) Wenn sie nicht akzeptieren können, dass ich sie gleich wie jeden Nigger, Spackos, Mongos und Baumwollpflüger behandle, sie sich einen anderen unterstützer suchen müssen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s