Fünf Minuten bis zur Ewigkeit

Hallo,

schon komisch, dass ich dir einen Brief schreibe. Das habe ich noch nie gemacht. Aber ich habe gar keine andere Möglichkeit mehr. Und dabei möchte ich dir eigentlich schon ziemlich lange sagen, dass es mir Leid tut. Mir tut es Leid, dass ich zu spät gekommen bin. Ich bin immer pünktlich, eigentlich überpünktlich. Bei dir war ich zu spät.

Ich glaube, wir beide waren keine guten Telefonierer. Unsere Gespräche waren daher immer recht kurz. Immerhin: Du warst jemand, mit dem ich telefoniert habe. Wenn auch nicht gerne, zugegeben. Aber an diesem Tag, an diesem einen Tag, da habe ich meine Abneigung und Unfähigkeit zu Telefonaten verflucht.

Ich wusste, dass es dir nicht gut geht. Man hatte mir erzählt, dass du Silvester viel Spaß hattest, aber müde warst. Vier Wochen später, beim Geburtstag, da bist du einfach eingeschlafen. Einfach so, mitten unter den Gästen. „Ruf sie doch mal an“, hörte ich mehrfach. „Sie freut sich, wenn du dich bei ihr meldest.“ Und ich – ich habe es hinausgeschoben. Noch einen Tag. Und noch einen. Und noch einen. Weil ich nicht gerne telefoniere.

An diesem Tag kam ich von der Arbeit nach Hause. Normalerweise hätte ich den Bus nehmen müssen, aber ein Kollege hatte mich gefahren. Ich ahnte nicht, dass ich hier bereits den Wettlauf gegen die Uhr verloren hatte. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich den Anruf so lange hinausgezögert habe – immerhin waren fast sechs Wochen seit Silvester und unserem letzten Telefonat vergangen. Und ich nahm mir fest vor: Jetzt rufe ich an. Ich stieg aus dem Wagen, betrat meine Wohnung, griff direkt zum Telefon und wählte deine Nummer. Niemand ging ran. Vielleicht bist du einkaufen, dachte ich mir. Und wollte es später noch einmal probieren. Zwanzig Minuten später klingelte mein Telefon und ich erfuhr von deinem Hirnschlag. Fünf Minuten vor meinem Anruf hatte man noch mit dir gesprochen, es ging dir gut. Als das Telefon kurz darauf bei dir klingelte, war es schon zu spät. Ich war zu spät. Bis heute ist das ein Bild, das mich nicht loslässt. Das Telefon klingelt in deiner Wohnung, auf diesem hässlichen hellbraunen Tisch in dem alten Wohnzimmer. Und du liegst wenige Meter daneben. Was gäbe ich für diese fünf Minuten.

Ich weiß nicht, über was wir gesprochen hätten. Wahrscheinlich hättest du gefragt, was die Schule macht und ich hätte es mir – wie jedes Mal – gespart, dir zu erklären, dass ich nicht mehr an der Schule, sondern an der Uni bin. Vielleicht hättest du nach „den Viechern“ gefragt und ich hätte erzählt, dass es den Mäusen gut geht. Was ziemlich sicher zu der Bemerkung geführt hätte, dass du dir so Viecher nie anschaffen würdest. Vielleicht hättest du vom Tatort erzählt, der mal wieder in der Stadt spielte, in der ich nun lebte. Und ich hätte einfach zugehört. Vielleicht hätte ich mich sogar gelangweilt. Hätte gehofft, das Telefonat schnell zu Ende bringen zu können, weil ich weder wüsste, was ich dir erzählen soll noch geahnt hätte, dass es das letzte Telefonat ist. Aber ich hätte dir zeigen können, dass ich dich nicht vergessen habe. Auch, wenn ich so weit weg wohnte und ein Leben führe, dass dir vollkommen fremd war. Und auch, wenn ich nicht weiß, ob du mich vermisst. Du hast es wahrscheinlich getan, auch wenn du nie etwas sagtest. Warum sonst hast du immer, wenn ich kam, diesen herrlichen Kartoffel-Eintopf gekocht, den nur du so einzigartig machen konntest? Immer im Vorrat, sodass ich noch etwas mit nach Hause nehmen konnte, wenn ich wieder fuhr.

Nein, wir hätten sicher kein tiefschürendes Gespräch geführt, das haben wir nie. Ich weiß bis heute wenig von dir. Aber ich hätte dir gezeigt, dass du zu meinem Leben gehörst. Stattdessen bekamst du nur ein langes Schweigen von mir, weil ich nicht gerne telefoniere. Ein Schweigen, das bis heute andauert. Und das ich auch nicht mehr beenden kann. In den ersten Wochen danach habe ich noch einige Male heimlich deine Nummer gewählt – so, als könnte ich mir die fünf Minuten zurückstehlen, als würdest du doch noch einmal den Hörer abheben. Zwischenzeitlich ist dein Telefon abgemeldet, deine Wohnung ausgeräumt, du bist verschwunden. Was bleibt, ist das Gefühl, etwas unglaublich Wichtiges verpasst zu haben. Endgültig. Wegen dem Unwillen, zum Hörer zu greifen. Und wegen fünf verdammter Minuten. Es tut mir Leid, dass ich zu spät war.

Deine Enkelin

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3 Kommentare zu “Fünf Minuten bis zur Ewigkeit

  1. Reiner Sauer sagt:

    Das Leben ist auch eine Abfolge von verpassten Chancen.
    Eine ähnliche Erfahrung hat meine „Wertung“ verändert. Nun habe ich mehr „Angst“ nicht anzurufen. Seither fällt es mir immer leichter und es gleich getan zu haben ist ein ausgesprochen gutes Gefühl. Ein bisschen Denke ich, dass es mit einem Lächeln belohnt wird. Wir sind wieder vereint. Es tut mir Leid und es wird mir immer Leid tun! Reue ist etwas, was die meisten Menschen heute nicht mehr kennen, dabei ist sie der einzige Weg zum verlorenen Glück.

  2. schmidchen sagt:

    Sehr einfühlsam beschrieben, finde ich. Mit dieser Erfahrung bist Du zweifellos nicht allein, ich kann Deine Gedanken gut nachvollziehen.
    Grüße,
    Matthias

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