“Das verstehe ich nicht”

“Sorry, das ist mir zu hoch.” Mein Kollege guckt in die Runde. “Ich muss das nicht verstehen, oder?” In mir brodelt es. Es geht um einen jungen Mann, den ich begleite und langsam kennenlerne. Um einen jungen Mann, der in meinen Augen ganz und gar ein Kerl ist. Sicher, kein testosteronstrotzender Alphamann, aber trotzdem eindeutig ein Kerl. Der Haken an der Sache ist nur: Im Ausweis steht “Svenja” und nicht “Sven”. Und das scheint in meinem Umfeld für erhebliche Probleme zu sorgen.

Zugegeben: Auch mir passiert es, dass mir das “sie” herausrutscht. Ich tippe jedes Mal bewusst “Hallo Sven” in die Tastatur, wohl wissend, dass “Hallo Svenja” nicht angepasst wäre. Es sind Fehler, die mir – vielleicht auch unbewusst – passieren, weil ich weiß, dass ich biologisch betrachtet eine Frau vor mir habe. Und in dem Körper dieser Frau steckt aus einer grausamen Laune der Natur heraus ein junger Mann. Anfangs dachte ich noch: Ja, hast du mal von gehört. Je näher ich ihn nun kennenlerne, desto deutlicher wird mir, wie grausam es für einen Menschen sein muss, im falschen Körper gefangen zu sein. Und alles, was er mir nach und nach erzählt, führt mich genau zu diesem Schluss: Ein Kampf gegen einen eigenwilligen Körper, der sich zunehmend in ein Geschlechtsgefüge hineinentwickelt, das komplett dem eigenen Gefühl zuwider läuft. Ich kann aus seinen Erzählungen nur erahnen, welche Höllenqualen er hat durchleiden müssen.

Ich bin ehrlich: Ich kann die Situation nicht verstehen. Wie sollte ich auch? Ich weiß, wie es ist, nicht “richtig” zu sein, aber ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn der ganze Körper “falsch” ist. Aber ich sehe einen Unterschied zwischen meinem Nicht-Verstehen und dem Nicht-Verstehen meines Kollegen. Denn sein Nicht-Verstehen beinhaltet ein Abstreiten der Tatsachen.  Weil er es nicht versteht, kann es nicht sein und vor allem kann es nicht richtig sein. Das ist… frustrierend. Und wenn es für mich schon frustrierend ist, wie ist es erst dann für Sven?

“Steht er/sie/es eigentlich auf Männer oder Frauen?”, fragt mein Kollege schließlich. Ich hasse dieses “er/sie/es”. Es ist so abwertend. Aber ich kann es dem Kollegen nicht begreifbar machen. Sven hat eine Freundin. “Also ist er/sie/es eine Lesbe?” Ähm. Nein? So ohne Hintergrundwissen und aus dem Bauch heraus. “Aber die Freundin, die ist lesbisch, ne? Geht ja auch nicht anders.” So langsam macht der Kollege mich echt fertig. Ist es denn wirklich so schwer, die Menschen einfach SEIN zu lassen? Ist es so tiefgreifend, wenn ein Mann (in einer glücklichen (!) Beziehung mit einer Frau) aufgrund primärer Geschlechtsmerkmale dem weiblichen Geschlecht zugeordnet wurde? Und nun daran arbeitet, Körper und Seele in Einklang zu bringen?

Sven und ich haben einen langen Weg vor uns. Ich habe ihm gesagt, dass ich mir Mühe gebe, aber auch für mich vieles neu ist. Ich habe noch nie den Namen einer Person ändern lassen. Ich weiß nicht, durch welche Phasen wir durchgehen werden, wenn die Hormontherapie beginnt. Ich weiß nicht, wann und wie die geschlechtsangleichenden Operationen anstehen werden und was das mit ihm machen wird. Ich kann ihm nur anbieten, den Weg mit ihm zu gehen. Und mich, wie er, überraschen zu lassen. Von einer für mich fast gänzlich neuen Welt.

Passierschein A38

Es ist bestimmt schon einige Jahre her, dass ich “Asterix und Obelix” gesehen habe. Doch bei dieser Begebenheit kam mir die verzweifelte Suche nach dem Passierschein A38 in den Sinn. Für alle, die gerade so keinen Schimmer haben, wovon ich spreche: Willkommen im Haus, das Verrückte macht.

Mein persönlicher Passierschein A38 trägt allerdings einen geringfügig abgewandelten Namen: “Krankentransportschein”.

Mein Klient befand sich bereits seit mehreren Tagen in einem nicht klaren Bewusstseinszustand, herbeigeführt durch exzessiven, vorwiegend flüssigen Substanzmissbrauch. Die Situation war ernst und schließlich war er bereit, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Alles war organisiert: Das Bett im Krankenhaus, die Fahrt dorthin, eine Tasche für ihn im Schnellverfahren, bestehend aus den Dingen, die da eben noch einigermaßen den Kriterien der Sauberkeit entsprachen, gepackt. Als ich am Morgen des großen Tages ankam, traf ich meinen Klienten in einem weniger guten Zustand vor: Da er durchaus therapiemotiviert war, hatte er sich am Tag zuvor entschlossen, nicht mehr zu konsumieren – und befand sich nun in einem akuten Entzug inklusive Delirium mit Halluzinationen und allem, was so dazugehört. Ein wie von uns eigentlich geplanter Transport ins Krankenhaus war SO nicht möglich. Im Gegenteil: Ich verabschiedete mich schon mal von meiner Planung und dem mühsam organisierten Bett, denn hier lag nun ein eindeutig anderer – und lebensbedrohlicher – Zustand vor. Ich alarmierte den Rettungsdienst. Ganz klassisch, über die 112. Bis dahin verlief alles noch den Umständen entsprechend normal. Nicht ganz sechzig Sekunden später klingelte mein Handy. Am Apparat: Der Disponent der Leitstelle, der mich nach einem Passierschein A… entschuldigung, nach einem Krankentransportschein fragte. Bitte, ein was? Man erklärte mir, dass der Klient durchaus mit seinem Problem bekannt sei. Ja, das wusste ich. Mir erschloss sich der Rückruf immer noch nicht. Auf Nachfrage teilte mir der Disponent mit, dass man ihn nur nach Vorlage eines Krankentransportscheins irgendwohin bringen werde. Ich verwies auf das Delir und den durchaus ernsten Zustand meines Klienten. Der Disponent blieb hart: Auf die Entfernung könne er das nicht beurteilen (ich aber schon!) und der Rettungswagen würde erst ausrücken (O-Ton): “wenn Sie einen Krankentransportschein vorlegen oder sich bereit erklären, die 500 Euro Transportkosten in bar vor Ort direkt zu begleichen.” Ist klar… Mein Klient erschlug derweil imaginäre weiße Mäuse in seiner zugemüllten Wohnung und ich war so angenervt und auch ratlos, dass ich eben den Hausarzt meines Klienten aufsuchte, um besagten Passier… Krankentransportschein zu erhalten.

In der Praxis schaute mich eine verzweifelte Arzthelferin an. Der Computer war abgestürzt und ließ sich nicht mehr hochfahren – ich konnte weder ein Rezept noch eine Überweisung noch einen Krankentransportschein erhalten. “Rufen Sie die Klinik an”, war der dortige Rat. Ein Anruf in der Klinik brachte viel Mitgefühl, aber auch nur Ratlosigkeit. Als Krankenhaus dürfe man einen solchen Krankentransportschein nicht ausstellen. Da stand ich nun auf der Straße, kein Transportschein, ein deliranter Klient und ein Rettungsdienst, der sich weigerte, anzufahren. Ein erneuter Anruf bei der Leitstelle, denn schließlich war mein Klient Privatpatient und bekäme so oder so eine Rechnung über den Transport zugestellt – keine Chance. Kein Krankentransportschein, keine Unterstützung. In Gedanken sah ich mich bereits mit einer Axt in die Leitstelle stürmen. Auf der Straße blieb ich allerdings ruhig stehen und sah plötzlich, dass gegenüber des Hausarztes eine weitere Arztpraxis war. Auf gut Glück marschierte ich dort hinein und traf zufällig den Arzt neben der Sprechstundenhilfe an. Dieser ließ sich den Zustand meines Klienten genau beschreiben und teilte meine Einschätzung, dass hier eine ernste Situation vorliegt. Um den renitenten Disponenten auf der Leitstelle dazu zu bewegen, endlich die nötigen Einsatzkräfte rauszuschicken, rief der Arzt persönlich (!) auf der Leitstelle an – nur um zwei Minuten später mit einem “Das habe ich noch nie erlebt”, aufzulegen. Denn auch er hatte die Antwort bekommen: Kein Krankentransportschein – keine Hilfe.

Immerhin: Der Arzt war so nett, für einen ihm unbekannten Patienten auf die Schnelle unkompliziert und unbürokratisch einen Krankentransportschein und eine Überweisung ins Krankenhaus auszustellen. Wieder Rückruf an die Leitstelle, der Schein liegt vor. “Wir sind in zehn Minuten da”, schallte es mir gut gelaunt entgegen.

Und tatsächlich: Als ich bei der Wohnung meines Klienten eintraf, den Papiermist in der Hand, bog ein Krankenwagen um die Ecke.

Die ganze Aktion dauerte über zwei Stunden. Als wir endlich glücklich im Krankenhaus eintrafen und mein Patient als Notfall – und eben nicht als regulärer Patient – aufgenommen worden war, konnte sich einer der beiden sehr freundlichen Helfer die Frage nicht verkneifen, warum ich denn bei diesem Zustand überhaupt einen Krankentransport gewollt hätte. Schließlich läge jede Rechtfertigung für einen Notfall vor. Irgendwo zwischen Schnappatmung und halbem Herzinfarkt bekam er den Frust der letzten zwei Stunden ab. Nur um dann seufzend zu gestehen, dass solche Geschichten immer wieder erlebt werden würden. Und zwar nicht nur bei scheinbar “selbst verschuldeten Notfällen” (was in meinen Augen eigentlich nichts am “Notfall” an sich ändert…), sondern auch bei internistischen u. a. Notfällen, bei denen Patienten auf einen Samstagmorgen gebeten wurden, erst ihren Hausarzt aufzusuchen, bevor sie einen Rettungswagen alarmieren.

Immerhin: Mein Klient ist auf dem Weg der Besserung. Und weiterhin therapiemotiviert. Solange niemand den Passierschein A38 fordert.

“Do you have a jacket?” – Eine Bitte

Der Herbst steht vor der Tür, es ist kalt und nass. Für mich ist es ungemütlich, aber wie muss es für Menschen sein, die aus wärmeren Klimaregionen kommen, die mit T-Shirt und Flipflops losgelaufen sind? Heute erzählte mir jemand, dass er in der Nähe einer Flüchtlingsunterkunft angesprochen wurde von einem Mann, schüchtern, verschämt. “Do you have a jacket?” fragte der Mann. Die mir bekannte Person hatte gerade Winterschuhe in der Unterkunft vorbeigebracht – aber Jacken waren keine dabei. Und so musste die Person den frierenden Mann schweren Herzens abweisen. “Sorry, no jacket.”

Ich habe schon vor einigen Wochen viel Kleidung in die Altkleidersammlung gebracht mit dem Gedanken: “Gerade jetzt wird es besonders benötigt.” Diese Geschichte nun aber brachte mich dazu, den Kleiderschrank erneut zu durchwühlen. Nicht nur auszusortieren, was ich “nicht mehr brauche”, sondern auch von dem zu geben, wovon ich im Überfluss habe. Warme Pullover, Socken, Winterschuhe, Decken, Jacken. Dinge, die ich sicher selbst noch tragen könnte – die ich jedoch doppelt und dreifach besitze. Denn es erscheint mir höhnisch, zwischen drei Winterjacken wählen zu dürfen, während vor meiner Haustüre Menschen sitzen, die nicht mal zwischen zwei T-Shirts wählen können.

Ich glaube, dass ich auf diesem Blog noch nie um etwas gebeten habe. Heute möchte ich das ändern: Ich bitte euch, in euren Kellern, Dachböden und Kleiderschränken zu schauen. Zu schauen, was ihr entbehren könnt. Sei es Kleidung, Spielzeug oder auch einfach nur Zeit. Die Hilfsbereitschaft in Deutschland ist groß. Und doch reicht es nicht aus. Zu wissen, dass da draußen so viele Menschen frieren und hungern, geht mir massiv an die Nieren. Es geht hier nicht um politische Parolen, um “rechts”, “links” oder “mir doch egal”, um “willkommen” oder “nicht willkommen”, es geht um Männer, Frauen, Kinder, die nichts (mehr) haben. Und wenn ich da an den kommenden Winter denke, wird mir schlecht. Damit meine ich nicht nur die Flüchtlinge – denn bei all der Hilfsbereitschaft aktuell in Deutschland dürfen die Menschen, die auf der Straße leben und ebenso den kalten Temperaturen ausgesetzt sind, nicht vergessen werden.

Bitte schaut, ob und was ihr entbehren könnt. Was ihr geben könnt, um den Menschen zu helfen. Fragt Eltern, Großeltern, Freunde, Nachbarn. Ich bin überzeugt, dass auch der kleinste Beitrag in den heutigen Tagen eine Hilfe ist. Und sei es nur für einen unter Abertausenden… Bitte, #giveajacket

Dilemma

“Sag mal, darf man eigentlich Klienten aufgrund deren politischer Gesinnung ablehnen?” Die Frage eines Kollegen bringt mich kurz ins Stutzen. Bei näherem Nachfragen stellt sich heraus: In einem sozialen System, das Familien bei Schwierigkeiten unterstützt, ist die ihm zugeteilte Familie nun aufgefallen durch massive fremdenfeindliche Äußerungen im Angesicht der Debatten um Flüchtlinge. Das Ganze nicht im Zuge einer lösungsorientierten Diskussion, sondern eher “nebenbei” im Sinne eines “Was wir schon immer mal sagen wollten”, als wäre es vollkommen normal, externen Helfern solche Äußerungen um die Ohren geschlagen werden. Dabei wurde nicht gespart mit Beschimpfungen, Stammtischparolen und Relativierungen im Sinne eines “Normalerweise sage ich das ja nicht, aber…”

Ich gestehe: Ich habe keine Antwort auf die Frage. Weder mein Kollege noch ich sind Ärzte, also zur Behandlung verpflichtet. Aber dürfen wir trotzdem Hilfe verweigern, wenn eine Familie nicht wirklich Einsicht hat in ihr fremdenfeindliches Gedankengut?

Nach meinem ersten Impuls wird mir zunehmend die Vielschichtigkeit des Problems bewusst. Es widerstrebt mir, Menschen mittels eines Sozialsystems zu helfen, die diese Hilfe anderen Menschen versagen, weil sie (folgende Worte stammen NICHT von mir) “Nigger, Spackos, Mongos und Baumwollpflüger” sind. Aber wäre ich besser, wenn ich Hilfe versage, weil die Person, die Hilfe braucht, fremdenfeindlich ist?

Zugegeben: Ich bin ratlos. Und das musste ich auch meinem Kollegen sagen. Ich weiß es nicht. Noch nicht, hoffe ich…

Tiefenglanz

Ich schleiche um die Boote. Es ist tiefe Nacht, aber ich bin mir sicher. Sicher, dass es eine dieser magischen Nächte ist, in denen alles stimmt: Strömung, Temperatur, Wind und Wetter waren ideal für diese winzig kleinen Tierchen, die mich in einen wahren Strudel der Verzückung ziehen und mich dazu verleiten, nachts auf dem wackeligen Bootssteg ins tiefschwarze Wasser zu starren. Und auch bei Tage meinte ich schon, immer wieder einige von ihnen auszumachen – allerdings nicht in der faszinierenden Version.

Ich halte Ausschau nach den verräterischen Lichtblitzen, die nur zu leicht für einfache Spiegelungen von Lampen an Land gehalten werden können. Die hellen Stellen, wo tatsächlich Lampen am Steg hängen, lasse ich beiseite. Ebenso die meerseitigen Bootsbuchten, hier ist die Strömung zu stark. Direkt an Land habe ich schon mal Glück, aber meist ist die Eigenbewegung der Stege zu stark. Ideal sind die Bedingungen in den mittleren Buchten, die am äußersten Arm, aber doch auf der Landseite liegen. Hier steht das Wasser verhältnismäßig ruhig, sieht man einmal von Ebbe und Flut ab. Und da! Erwischt. Wie eine Blase scheint etwas vom Meeresboden aufzusteigen und grünlich-bläulich zu zerplatzen. Vor mir das Pärchen läuft achtlos weiter, sie haben nichts bemerkt. Ich jedoch muss mich zusammenreißen, vor Freude nicht zu hüpfen. Vorsichtig bücke ich mich auf dem wackeligen Steg, tauche langsam die Hand ins schwarze Wasser und spritze. Dort, wo meine Hand durch das Wasser ging, hinterlässt sie eine grüne Leuchtspur. Wo die Tropfen im Wasser aufkommen, lösen sie ringförmig ein kurzes, grünes Leuchten aus, das in leichten Wellen nach außen binnen weniger Sekunden wieder verblasst.

Zwei Stunden springe ich von Bootssteg zu Bootssteg und spritze Wasser durch den Hafen. Es dauert nicht lange und andere Bootsinhaber bemerken mein Treiben. Anstatt es befremdlich zu finden, wissen sie genau, was los ist. Sie kommen selbst an den Steg, häufig in Begleitung ihrer Kinder und versuchen, das Meeresleuchten zu erzeugen und festzuhalten. Gerade Handys streiken hier gerne, trotzdem bin ich fasziniert, wie sich die “Generation Playstation” von einfachen kleinen, fluoriszierenden Bakterien, die bei Bewegung aufleuchten, beeindrucken lässt.

Für mich gehört – natürliche Erklärung hin oder her – das Leuchten der Nordsee zu einem der großen Wunderwerke der Natur. Etwas, dessen Faszination auch nach dem zehnten Meeresleuchten nicht nachlassen will.DSC_0422

Das Hörspiel

Nachts, wenn alle im Haus schliefen und mich die Schlaflosigkeit voll im Griff hatte, schnappte ich mir häufig mein Taschenradio mit Kopfhörern. Das Ding empfing nur einen Sender und in manchen Nächten kam ich dort auf ein Hörspiel. Normalerweise mag ich Hörspiele nicht, aber das packte mich so, dass ich in den darauffolgenden Wochen immer wach blieb bis um kurz vor Mitternacht, um dieses Hörpsiel zu hören. Irgendwann wurde es dann eingestellt. Anfangs war ich traurig, dann begann ich, das Hörspiel zu vergessen. Doch nun fiel es mir wieder ein – so, wie mir viel zu viele Sachen einfallen im Moment.

Ich höre noch die Titelmelodie dieses Hörspiels, aber fast alles andere habe ich vergessen. Es ging, meine ich, um einen Detektiv, der in einer düsteren Zukunft Fälle löste. Und er hatte, glaube ich, einen ziemlich vorlauten Computer. Alles andere der Handlung – weg. In meiner Erinnerung geblieben ist nur das Gefühl, das ich hatte, während und nachdem ich spät nachts diese Sendung hörte: Eine Mischung aus Faszination, einer düsteren Melancholie und die stille Freude, wenn man etwas hat, was einem ganz alleine gehört. Sicher hörten noch andere dieses Hörspiel, mir war das damals in meinem Zimmer unter dem Dach aber nicht bewusst. Die Welt da draußen schlief, wer sollte da schon von dieser dunkel-schönen Zukunft aus dem Radio hören? Für einige Wochen war dieses Hörspiel meine Zuflucht. Und ich war traurig, als es nicht mehr lief. Noch viele Nächte habe ich den Suchsender immer und immer wieder laufen lassen in der Hoffnung, noch einmal die Melodie zu hören, noch einmal mitgenommen zu werden für eine Stunde in die nicht allzuferne Zukunft. Und irgendwann habe ich es dann aufgegeben. Und das Hörspiel nach und nach vergessen.

Vielleicht weiß jemand hier, wovon ich rede. Vielleicht kennt jemand das Hörspiel? Und noch besser wäre es, wenn mir jemand verrät, wo ich es bestellen kann. Denn im Moment vermisse ich die nächtliche Zufluchtstätte, die ich damals hatte.

Was Menschen zu Massenmördern macht

Gerade kam ich aus dem neuen X-Men und habe quasi noch die Stimme im Kopf, dass das “Andere” den Menschen Angst macht. Und prompt stolpere ich über einen Artikel mit der tragenden Überschrift “Was Menschen zu Massenmördern macht“. Will jemand raten? Autismus ist im Rennen. Aber weil es so schön ist, nehmen wir Kopfverletzungen und Traumata auch noch mit dazu. “Forscher der Universität Glasgow haben herausgefunden, dass die Kombination von geistigen Entwicklungsstörungen wie Autismus oder Kopfverletzungen und psychischen Traumata Menschen zu Massen- oder Serienmördern machen kann.

Ja, der Bericht relativiert einige Zeilen später brav, dass man daraus natürlich keine Pauschalurteile ableiten könne und Menschen mit Autismus doch bitte die Unterstützung zukommen lassen muss, die sie benötigen – das ist so, wie wenn ich sage: “Deine Frisur sieht scheiße aus. Aber die Farbe deiner Haare, die ist eigentlich ganz schön, da muss mal jemand ran, damit die richtig zur Geltung kommt.” Die Preisfrage, welche der Aussagen am ehesten hängenbleibt, spare ich mir.

Im Moment macht sich bei mir eine gewisse Müdigkeit breit. Ich will nicht immer wieder gebetsmühlenartig meine “Autisten sind keine Serienmörder”-Sätzchen wiederholen müssen. Ich will auch sicher nicht an den Zahlen der Studie zweifeln oder sie bestätigen, so lange ich mich nicht differenziert damit auseinandersetzen konnte. Und ich will mich auch nicht aufregen. Und tue es doch.

Autismus macht niemanden zum Massen- und Serienmörder. Geistige Entwicklungsstörungen machen niemandem zum Massen- oder Serienmörder. Kopfverletzungen machen niemanden zum Massen- oder Serienmörder. Und auch Traumata nicht. Warum? Weil der Kausalzusammenhang ein falscher ist.

Menschen mit Autismus machen häufig bereits im Laufe ihres frühen Lebens viele negative Erfahrungen. Sie erleben Ablehnung, Spott, Häme, Intoleranz, Mobbing. Sie werden ausgeschlossen, isoliert, geschlagen, ausgenutzt – die ganze Palette. Diese negativen Erfahrungen führen – und das kann wohl auch jeder Nicht-Autist nachvollziehen – über Jahre zu einem erheblichen Frust. Nie ist man richtig, nie ist man genug, nie ist man akzeptiert, immer ist man anders. Sie machen diese Erfahrungen tagtäglich, in der Familie, im Kindergarten, in der Schule, im Studium, auf der Arbeit. Negative Erfahrungen, die sich immer und immer wieder wiederholen. Und irgendwann dreht der ein oder andere hohl.

Nein, ich möchte kein Verständnis für Massenmörder. Ich möchte, dass verstanden wird, dass es nicht der Autismus, nicht das Trauma, nicht die Entwicklungsstörug ist, die jemanden gewaltbereit werden lässt. Sondern dass es die tagtäglich erlebte Intoleranz und Ablehnung gegenüber einem von der “Norm” abweichenden Verhalten ist, die Menschen so frustriert, dass sie irgendwann durchdrehen. Nicht der Autismus macht einen Menschen zu einem Gewaltverbrecher. Sondern die Ablehnung einer Gesellschaft macht aus einem Menschen (ob autistisch oder nicht), der anders ist als die Mehrheit, jemanden, der gewaltbereit ist. Die Frage ist also nicht, welche Krankheit, Entwicklungsstörung oder Verletzung ein Mensch hat, damit er zum Massenmörder wird. Denn es hat damit nichts zu tun. Es sind die Rahmenbedingungen, die den Menschen formen und zu dem machen, was er ist. Diese Menschen werden abgelehnt, weil sie anders sind als eine sich als Norm empfindende Mehrheit. Aber es ist die Erfahrung der Ablehnung und nicht die Andersartigkeit an sich, die Menschen negativ lenkt.

Ich verstehe jedoch, dass es einfacher ist. Es ist einfacher zu sagen: “Der Autismus ist Schuld” oder “Das Trauma ist der Grund”, statt “Vielleicht sollten wir lernen, wie wir wertschätzend mit Menschen umgehen können, die anders sind. ” Denn bei Ersterem können wir mit dem Finger auf etwas zeigen und sagen “DAS DA” ist das Übel. Bei Zweiterem müssen wir einsehen, dass unser Verhalten anderen Menschen gegenüber maßgeblich dazu beitragen kann, wie sich dieser Mensch entwickeln wird. Und das bedeutet Verantwortung zu übernehmen. Für mich und für andere. Und das wiederum heißt Arbeit. Unbequeme Arbeit. Dann doch lieber auf “das da” zeigen, auf “das Andere”, “das Kranke”, “das Fremde”…

Was Menschen zu Massenmördern macht, ist keine Kombination von Autismus und Traumata und was weiß ich nicht noch alles, was die Medizin so hergibt. Was Menschen zu Massenmördern macht – das sind andere Menschen. Und sonst nichts.