Ich bin wieder hier

Vier Monate. Zack! – und vorbei. Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Die Zeit hat mich eingeholt und erst durch eine nette Email vergangene Woche ist mir aufgegangen, wie lange meine Pause eigentlich gedauert hat.

Dabei ist viel passiert. Ich arbeite zwischenzeitlich – und das ganz passabel – voll selbstständig und auch wenn die Tage irrsinnig anstrengend sind: Es klappt. In einem Berufsfeld, wo ich es am wenigsten erwartet habe.

Dazu kamen noch ein paar private Umbrüche, alle aber eher positiv. Es scheint, als wäre die Zeit der großen Katastrophen (erst einmal) vorbei. Ich weiß nicht, wie lange der Zustand andauern wird. Aber ich habe mich entschlossen, ihn erst einmal aus vollen Zügen zu genießen. Es wird Frühling. Mein Frühling. Bislang war es ein gutes Jahr. Ich möchte, dass es so bleibt. Also: Daumen drücken. Und keine Sorge – ich schreibe weiter. Denn auch wenn so viel Zeit ins Land gegangen ist, mein Blog hat mir gefehlt.

Ich halt dich fest, bis du aufhörst

Vor wenigen Tagen zog eine Seminarteilnehmerin bei der beschriebenen positiven Wirkung schwerer Decken bei autistischen Menschen einen – in meinen Augen – Fehlschluss. Zur Festhaltetherapie. Immer wieder taucht im Zusammenhang mit Autismus diese Therapieform auf, bei der Kinder, die keine Berührungen erdulden oder ertragen, so lange festgehalten werden, bis sie sich nicht mehr wehren. Damit sind häufig heftigste Schreiereien, massive Gegenwehr und tiefe Erschöpfungszustände verbunden. Spricht man mit Autisten, die in den “Genuss” dieser Therapie kamen, so beschreiben fast alle dieses Ereignis als traumatisch.

Die Ärzte und Therapeuten, die so behandeln, sind der Meinung, dass autistische Kinder, die berührungsempfindlich sind, desensibilisiert werden müssten. Wenn sie irgendwann aufhören, zu schreien, sei dies ein Zeichen, dass sie merken, dass die Berührung ja “doch nicht so schlimm” sei. Fragt man auch hier wieder einmal die Betreffenden an, hört sich das anders an. “Es hätte keinen Sinn gehabt, mich zu wehren”, sagte mir eine Autistin. “Da war jemand Übermächtiges und ich konnte irgendwann nur noch aufgeben.” Das Ruhig-Werden ist demnach reine Resignation, eine Kapitulation vor einem Gegner, dessen Willen einer anderen Person aufgezwungen wird und bei der er keine Rückzugsmöglichkeit hat – schlimmer noch, eine Person, zu der man in einem engen emotionalen Verhältnis steht. Dabei geht es nie darum, notwendige Grenzen aufzuzeigen und eine konsequente und manchmal auch strenge Erziehung an den Tag zu legen – hier geht es nur darum, dass ein Wille förmlich gebrochen wird.

Allerdings gibt es noch einen weiteren Aspekt, der mir im Zusammenhang mit der Festhaltetherapie sehr quer kommt und die mich daher massiv an Seriösität und Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens zweifeln lässt. Denn wo hört das sich Unterordnen unter einen anderen Willen auf? Wer darf dich festhalten, bis du aufhörst, dich zu wehren, wer dich berühren, obwohl du deutlich machst, dass du es nicht willst? Wo ist der Unterschied im “Nein, ich will das nicht!”? Liegt der Unterschied bei Mama und Papa, bei Oma und Opa, beim netten Nachbarn nebenan oder bei dem Fremden, der jeden Morgen am Schulweg wartet? Und wie bringe ich einem Kind bei, dass manche Menschen einem Berührungen aufzwingen dürfen trotz heftigster Gegenwehr und das okay ist, in anderen Situationen aber doch bitte gerade Gegenwehr gewünscht ist?

Haben sich all die Eltern, die ihr autistisches Kind stundenlang festhalten und jede Abwehr im Keim ersticken wollen, schon mal die Frage gestellt, ob nicht eines Tages jemand kommen könnte, der genau das auch mit ihrem Kind macht. Und mit genau den gleichen Worten behauptet, dass das “schön” sei? Wo ist der Unterschied? Und wenn das Kind bereits früh lernt, dass es gegen die übermächtigen Umarmungen anderer Menschen keine Chance hat – aus welchem Grund sollte es sich in einem Kontext wehren, der nicht mit Liebe und Zuneigung, sondern mit Missbrauch in Zusammenhang steht? Gelernt hat es doch, dass es erst aufhört, wenn es ruhig wird. Mitmacht. Willig ist.

Ich sage nicht, dass die Festhaltetherapie mit sexuellem Missbrauch gleichzusetzen ist. Ich stelle aber die Behauptung in den Raum, dass Art und Vorgehen dieser “Therapie” Missbrauch jeglicher Form Tür und Tor öffnet und die Kinder dann vielleicht das Bedürfnis der Eltern (!) nach Nähe und Kuscheln erfüllen können, zugleich aber einer nicht immer liebenden Welt schutzlos ausgeliefert werden.

Ein “Nein” ist ein “Nein”, immer und jederzeit. Gerade, wenn es um die eigenen körperlichen Grenzen geht. Und für dieses “Nein” sollte es keine Ausnahme geben. Auch bei Autisten nicht.

Hochbegabung

In den vergangenen Wochen fallen mir zunehmend Berichte auf, die sich mit dem Thema Hochbegabung beschäftigen. Das bewegt mich nun zu diesem sehr subjektiven Blogbeitrag, der einzig, allein und ausschließlich meine persönliche Meinung wiedergibt. In diesen Berichten scheint es vor allem zwei Tendenzen zu geben: 1. Hochbegabung ist toll, das hätten wir alle gerne. 2. Hochbegabung ist toll, nur sozial sind die etwas schwierig. Hätten wir trotzdem alle gerne.

Da gibt es Helikoptereltern, die bereits pränatal wissen, dass ihr Kind hochbegabt ist, weil sie den IQ über den Muttermund messen können. Dann gibt es Kinder, die durch abertausende Förderprogramme geschleift werden, weil sie doch bitte endlich mal ihre eindeutig vorhandene Hochbegabung ausspielen sollen. Und dann gibt es verzogene Kinder, deren Hochbegabung nicht zur Entfaltung kommt, weil die Ärzte, Lehrer, Pädagogen “zu dumm für das Kind” sind.

Irgendwo in diesem ganzen Chaos gibt es sie allerdings wirklich – die Hochbegabten. Die mittels eines amtlichen IQ-Tests einen Wert von 130 und mehr Punkten erreichen und somit zu zwei Prozent der Bevölkerung zählen, die – ja, was? In einem IQ-Test einen Wert über 130 Punkten erzielen. Interessant: Formal gesehen gehören sie zu einer Minderheit. Eine Minderheit mit Eigenschaften, diegesellschaftlich nicht erstrebenswert sind, wird diskriminiert (Rollstuhlfahrer, Autisten, Gehörlose, Homosexuelle, und so weiter und so fort). Eine Minderheit mit Eigenschaften, die gesellschaftlich als erstrebenswert gelten, wird landläufig als “Elite” bezeichnet. WTF?

Ich habe mich notgedrungen mit diesem Thema beschäftigen müssen, denn in meiner Schulzeit sollte auch ich an so einem Test teilnehmen. Ich wusste nicht einmal, um was es geht – und erreichte einen Wert um die 150. “Damit geht man nicht hausieren, behalt das schön für dich”, hieß es danach. Ich will es aber nicht mehr für mich behalten. Nicht, weil ich auf diesen Wert stolz bin – schließlich kann ich nichts dafür. Sondern, weil ich in eine gesellschaftliche Maschinerie geraten bin, die so krank und abartig ist, dass ich das nicht einfach hinnehmen oder gar als erstrebenswert stehen lassen möchte. Nach dem Test konnte ich gar nicht so schnell schauen, da war ich in “Förderprogrammen” drin (die “Elite-Schule” konnte ich gerade noch so abwiegeln, ich war so “blockiert”, dass ich mein Abi in den drei verbliebenen Jahren und nicht in einem machen wollte…). Allesamt von Unternehmen gesponsort, die ein Ziel hatten: Potentiell hochleistungsfähige Mitarbeiter rekrutieren. Einer der Schlüsselmomente war, als ein Philosophieprofessor (“Mein guter Freund Martin Heidegger…” – “Manchmal haben Martin und ich gemütlich Wein getrunken und dabei…”) einer Jugendakademie am Fenster stand, auf die Innenstadt blickte und sagte: “Wenn ich aus dem Fenster sehe, dann sehe ich nur dumme Menschen. Aber hier, hier sitzt die Elite.” Der Habitus, der dahintersteckte, löste bei mir dann doch einen Würgereiz aus.

Was bedeutet dieses Wort “Hochbegabung” denn nun für mich? Es heißt, dass ich Inhalte sehr schnell erfasse. Und mir sehr gut merken kann. Dass ich analytisch Dinge schnell durchdenke, dass mir Fehler auffallen, ich Prozesse durchblicke und mich sehr schnell einfinden kann. Es heißt auch, dass mir die Geduld mit anderen Menschen manchmal fehlt, wenn sie irgendetwas partout nicht verstehen wollen, obwohl es offenkundig (für mich) ist. Es heißt auch, dass mir Dinge oft viel zu langsam gehen, weil ich schneller als andere arbeite und mehrere Ebenen mit in mein Handeln einbeziehe. Es heißt, dass ich nicht einfach handeln, sondern viel zu viel denken muss. Dass ich mich schnell langweile – und Langeweile auf Dauer macht krank. Das gilt für alle Menschen. Und sicher, es hilft mir, die typischen autistischen Symptome im Alltagskontext zumindest in Teilen zu kaschieren. Nebenbei bemerkt: Trotz zweifach bestätigter Hochbegabung bin ich trotzdem nicht in der Lage, Zahlen ohne Anstrengung korrekt ohne Zahlendreher aufzuschreiben. Und das bereits im zweistelligen Bereich.

Es heißt aber auch, dass es ein Doppelleben ist. Denn einerseits kann ich in herkömmlichen Kontexten nicht das leisten, was vielleicht ginge, weil die Rahmenbedingungen nicht passen. Also schraubt man sich selbst ständig herunter, baut Fehler ein, weiß vermeintlich Dinge nicht, obwohl man sie weiß. Warum? Weil man mittelfristig nur Ärger bekommt, Neid, Missgunst, Beschimpfungen. Die einem suggeriert, dass man ein schlechter Mensch ist, weil man Dinge, für die andere sechs Monate brauchen, in wenigen Tagen erledigt. Und dann gibt es noch die andere Seite, die sich “Förderung” auf die Fahnen geschrieben hat. Per se ja nicht mal verkehrt – allerdings ist mir persönlich noch keine “uneigennützige Förderung” untergekommen. Das Prinzip war immer gleich: “Wir beschäftigen dich geistig und dafür stellst du uns dein Potential zur Verfügung. Wir schauen nicht nach Stärken und Schwächen, sondern wir entscheiden, dass du alles kannst. Schließlich bist du ja hochbegabt. Parallel suggerieren wir, dass du aber trotzdem zu dumm für diese Welt bist, damit du nicht auf die Idee kommst, unseren Standpunkt in Frage zu stellen.” Überspitzt formuliert…

So kommt man sich dann schnell vor wie das Melkvieh der Nation. In die Pflicht genommen, der “Gesellschaft zu nutzen”, weil man einen IQ über 130 hat. In all den Jahren, in denen ich in diversen Förderprogrammen war, ist mir eine Frage allerdings nie gestellt worden: “Willst du das überhaupt?” Habe ich verweigert, galt ich als “Underachiever” und behandlungsbedürftig. Habe ich brav nach der Pfeife der Förderer getanzt, war ich eine gute, glückliche und optimal geförderte Hochbegabte, die ihre  150 IQ-Punkte der Wirtschaft, der Gesellschaft und Hinz und Kunz zur Verfügung stellt.

Dieses Schielen rein nach einem IQ-Wert geht mir – gelinde gesagt – irrsinnig auf den Keks. Denn dieser Wert sagt nur etwas über die “Hardware” eines Menschen aus, gibt aber null Aufschluss über die Software. Die höchte Intelligenz nützt nichts, wenn das Herz hinter dem Kopf das eines Sadisten ist. Und wenn ausgerechnet der weiß, wie der die “Hardware” zu nutzen hat, dann hat man ein Problem.

Meine Überzeugung ist zwischenzeitlich, dass dieser Test-Wert vollkommen unerheblich ist. Und dass der Hype darum vor allem von Leuten produziert wird, die gerne solche Test-Ergebnisse hätten, aber nicht wirklich wissen, was – zumindest in der heutigen Zeit – das für Folgen hat. Die glauben, viel Intelligenz heißt gleichzeitig viel Erfolg, viel Geld und viel Glück. Wenn ich aber anfange, Kinder nur noch über ihren IQ-Wert zu definieren, dann vermittle ich doch vor allem eine Botschaft: “Du bist nur liebenswert, wenn du etwas leistest.” Das hochbegabte Kind, das gerne im Sand wühlt, ist aber vollkommen in Ordnung. Es muss nicht Geige lernen, in der vielleicht langweiligen Schnellkopfrechen-Förder-AG sein oder 72 gesellschaftstaugliche Hobbys vorweisen. Und es muss auch nicht auf Teufel komm raus den Stempel “hochbegabt” verpasst bekommen, wenn es glücklich und zufrieden ist und die Möglichkeit hat, sich zu entfalten. Ganz ohne Förderwut. Ebenso das normalbegabte Kind, das unbedingt Schach spielen möchte, obwohl es die Regeln nicht wirklich versteht. Dem “Das kannst du nicht” ist da ein viel Wichtigeres “Wenn du es gerne machst, dann mach” entgegenzusetzen. Der Schaden, den man aber anrichtet, wenn man dem Kind permanent eintrichtert, dass es eigentlich viel zu intelligent für diese Welt ist und nur maximale Förderung, aber bitte kein Kind-Sein braucht – das ist fatal. Ist aber wahrscheinlich nicht einfach in einer Werte-Gesellschaft, in der Leistung über Menschlichkeit steht.

Chaoswelten

Ich wirke ruhig. Sehr ruhig. So ruhig, dass es gefährlich ist, für mich. Wenn mein Außen schweigt, ist das Innen im Chaos. Dann überrennen mich Körperreaktionen, die ich nicht einordnen, nicht benennen, nicht sortieren kann. Ich sage mir meine Tagespunkte laut vor, nur um sie im nächsten Moment zu vergessen. Ich plane alles schriftlich ein, nur um dann den Zettel zu verlegen. Ich beobachte meine Umwelt, bin aber nicht mehr dabei. Ganz ruhig. Fingerschnippen mit der linken Hand. Immer und immer wieder. Ich rede nicht, schaue nur. Und sehe doch nichts. In meinem Kopf stürzen Gedankenspiralen ineinander, verdrehen sich, verquirlen sich, sind nicht mehr zuzuordnen, ergeben heilloses Chaos. Ich kann das nicht. Ich finde die Anschlüsse nicht. Gehe achtlos vorbei an den Dingen, die wichtig sind. Die mir wichtig sind. Sehe nicht mehr.

Ich weiß, wo ich bin. Im Auge des Orkans.

Farbenspiel der Töne

Es gibt etwas in meinem Leben, ohne das könnte ich wohl nicht leben: Die Musik. Nun komme ich immer ins Schleudern, wenn mich jemand nach fragt, welche Musikrichtung ich höre. Denn ich habe keine “Richtung”. Und Musik ist für mich auch etwas, das weit über das reine Hören hinausgeht.

Zum einen gibt es Lieder, die ich als “Wasserlieder” bezeichne. Deren Textur ich wie fließendes Wasser an einer Glasscheibe vor mir sehe. Es gibt zwei Arten davon, die einen, die sanft und gemächlich dahinplätschern und die anderen, die wie ein reißender Bach sind. Die keine Grundfarbe haben, sondern nur diese Wassertextur. Nur ersteres empfinde ich als angenehm, und diese Wasserlieder sind für mich die Perfektion. In meiner Sammlung befinden sich drei Lieder, die tatsächlich Wasserlieder sind. Mehr habe ich bislang noch nicht gefunden.

Und dann ist da die Musik, die ich als “schön” empfinde, die aber nicht perfekt ist. In der sich Farben und Formen in stetigen Mustern bewegen, ineinanderlaufen, verschieben. Manche Gruppen schaffen es, all ihren Liedern eine bestimmte “Grundfarbe” zu geben. Bestimmte Instrumente dominieren ein Stück farblich, wie zum Beispiel Geigen. Geigen alleine mag ich nicht, erst mit der “richtigen” Untermalung mit anderen Instrumenten passt es. Dafür “sehe” ich eine Geige in jedem Orchester heraus.

Manchmal gibt es Lieder, ich von der Machart oder der Frequenz eigentlich gar nicht leiden mag, die aber so tolle Farben haben, dass ich sie mir doch anhören möchte. Interessant ist dabei, dass der visuelle Eindruck der Entscheidende ist: Ein Lied kann mir vom Hören noch so gut gefallen, wenn es farblich “nicht passt”, dann kommt es mir nicht ins Haus. Umgekehrt kann ein Lied rein akustisch aber nicht mein Fall sein, das Farbenspiel bringt mich aber doch dazu, es in meine Sammlung aufzunehmen.

Manche Lieder sind wie ein Sprühregen aus Farben und Formen, andere dominieren mit starken Texturen. Wenn ich Musik höre, dann sehr bewusst. Dann mache ich nichts anderes, sondern beobachte nur das Kommen und Gehen der Farben. Mich nebenbei “berieseln” lassen, das geht hiermit einfach nicht.

Schließlich gibt es noch die “Zauberlieder” – Musik, die einzig dafür geschaffen worden zu sein schien, um beim Hören ganze Landschaften zu “malen”.

Musik ist für mich also mehr als ein Gesamtspiel an Instrumenten und Takten. Viel mehr. Ist eine falsche “Farbe” im Stück, dann ist es vorbei. Aber durch die vielen Farben kommt es auch, dass meine Musikstücke so breit aufgestellt sind: Von Metal/Hard-Rock bis Klassik und Chansons, Schlager bis Pop, Rock und manchmal sogar Hip-Hop – wenn der visuelle Eindruck stimmt, höre ich mir das Lied auch an.

 

 

 

Wie ist das nun genau mit der Empathie?

Gerade stolperte ich im Netz über diesen, nach meinem Geschmack ziemlich kurz gefassten Blog-Artikel.

Erst war ich überrascht, denn das, was hier als absolute Neuheit verkauft wird, ist mir in den diversen Fachbüchern, unter anderem auch aus Köln, bereits vor zwei Jahren mehrfach begegnet. Aber ich freue mich, dass es auch mal von Nicht-Autisten aufgegriffen wird. Trotzdem haben sich einige Unschärfen in diesem Beitrag eingeschlichen, die ich dann doch gerne ausführlicher “nachschärfen” möchte.

Da sind zum einen die Begriffe “kognitive Empathie” und “emotionale Empathie” (bzw. affektive Empathie). Diese Unterscheidung geht u. A. auf Paul Ekman zurück (dessen Bücher ich nur wärmstens empfehlen kann), ein Forscher, der sich auch sehr intensiv mit Mikro-Expressionen (also Gesichtsausdrücken, die nicht bewusst gesteuert werden können und nur Sekundenbruchteile sichtbar und daher kaum wahrnehmbar sind) beschäftigt hat und Vorbild für die Figur des Dr. Cal Lightmans aus der Serie “Lie to me” ist. Paul Ekman differenziert die kognitive Empathie als den Teil, der uns erkennen lässt, was ein anderer Mensch fühlt (und kein plakatives “wenn wir über einen anderen nachdenken”). Die emotionale bzw. affektive Empathie hingegen lässt uns fühlen, was ein anderer Mensch fühlt. Dieses “Mit-Fühlen” der affektiven Empathie wiederum löst einen Impuls aus, z. B. das Bedürfnis, zu helfen.

Wenn Menschen mit Autismus unterstellt wird, dass sie nicht empathiefähig seien, dann liegt ein Trugschluss vor: Die kognitive Empathie ist der affektiven vorgeschaltet: Erst die Emotion erkennen, dann mitfühlen. Eigentlich logisch. Wenn Menschen mit Autismus nun eben diese Emotionen nicht erkennen, dann können sie erst einmal auch nicht mitfühlen – aber nicht, weil sie dazu grundsätzlich nicht in der Lage sind, sondern schlicht, weil es am Erkennen der emotionalen Zustände anderer hapert.

Jetzt wird es etwas kniffelig: beide “Empathie-Formen” laufen intuitiv ab, auch die kognitive. Nicht-Autisten erkennen relativ fix und ohne großes Nachdenken, was ein anderer Mensch fühlt. Ich wähle hier bei Erklärungen dann gerne die Differenzierung zu “rational”: Wenn ich rational, also Schritt für Schritt und sehr bewusst nachvollziehen kann, was ein anderer Mensch fühlt, reagiere ich genauso empathisch wie andere Menschen auch. Teilweise sogar zu empathisch, wie ich manchmal finde… Und wie bei Nicht-Autisten auch setzt diese affektive Empathie dann zum Beispiel den Impuls zu helfen in Gang. Allerdings wird das dann nur in sehr extremen Fällen auch für mein Gegenüber offensichtlich. Da müssen dann wiederum die Antennen sehr fein sein, damit andere merken, dass ich gerade sehr wohl emotional eingebunden wird. Denn dieses “Mitfühlen” dann auch adäquat und angemessen zeigen, ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Die von der Autorin genannte Schwäche im Bereich der Mentalisierung bzw. Theory of Mind (ToM) ist nicht von der Hand zu weisen, hat meines Erachtens (ich lasse mich gerne korrigieren) aber nur in Ansätzen eine Schnittmenge zur Empathie. Unter ToM verbuche ich eher die Fähigkeit, einschätzen zu können, was andere Menschen denken und welche Absichten sie haben, nicht aber, was sie in der konkreten Situation fühlen könnten. Will heißen: Wenn Max einen Schokoriegel kauft, ihn in den roten Schrank legt und dann das Zimmer verlässt, sein Bruder Robin in der Zeit den Schokoriegel aus dem roten in den blauen Schrank legt – dann würde ich in einem ersten Impuls davon ausgehen, dass Max bei seiner Rückkehr den Schokoriegel im blauen Schrank sucht. Warum? Weil ich – hier liegt dann mein “Denkfehler” vor – davon ausgehe, dass Max weiß, dass der Schokoriegel nicht mehr im roten Schrank ist, weil ich es weiß. Ich kann mich also nicht intuitiv in Max’ Situation hineinversetzen und das Wissen, das ich habe, quasi für ihn ausblenden. Ich muss es eher “von hinten” aufdröseln, das braucht seine Zeit. Was bei obigem Beispiel überhaupt nicht vorkommt ist die Frage, was Max wohl fühlen könnte, wenn er den roten Schrank öffnet und den Schokoriegel nicht vorfindet. Das wäre dann wieder der Bereich, der in die Empathie hineingeht, hier wäre eine Schnittmenge. Aber die Theory of Mind ist keinesfalls – wie es im Artikel aufgefasst werden könnte – identisch mit der kognitiven Empathie, sondern ein eigener Bestandteil (Bemerkung am Rande: ich meine, dass dieses ToM-Defizit auch ein Grund dafür ist, warum Autisten selbst dann nicht lügen können, wenn sie es wollten – irgendein Teil von mir geht nämlich immer davon aus, dass mein Gegenüber gerade weiß, wenn ich nicht die Wahrheit sagen würde. Weil mir entgeht, dass ich Dinge wissen könnte, die mein Gegenüber nicht weiß, obwohl ich sie weiß…)

Ergo: Ich suche den Schokoriegel im falschen Schrank (= ToM). Ich kann nicht erkennen, was andere fühlen (= kognitive Empathie). Wenn ich aber weiß, was jemand fühlt (und wenn ich diesen Jemand mag), dann setze ich für diese Person Himmel und Hölle in Bewegung, wenn es sein muss (emotionale/affektive Empathie).

Über das Liebhaben

Es gibt eine Freundin, die mir in regelmäßigen Abständen ein “Ich hab dich lieb” durch den virtuellen Kanal schiebt. Manchmal auch ganz direkt bei den seltenen Gelegenheiten, wenn wir uns mal direkt sehen. Obwohl sie weiß, dass sie darauf keine Reaktion bekommt.

In einem anderen Gespräch wurde ich kürzlich gefragt, ob ich meiner Familie nicht regelmäßig sage, dass ich sie lieb habe. Nein, mache ich nicht. Habe ich auch noch nie. Wäre ich, um ehrlich zu sein, im Traum nicht drauf gekommen. Auch so finde ich es sehr befremdlich, wenn sich Menschen gegenseitig und teils für alle Menschen nachvollziehbar ihr sich gegenseitiges Liebhaben bekunden.

Für mich ist “Liebhaben” ein Begriff, der inhaltsleer ist. Ich kann ihn sprachlich nicht verwenden, weil er für mich nichts aussagt, ich kein “Gefühl” kenne, dass ich so beschreiben könnte und das dem Wort einen Sinn gibt. Wenn jemand sagt, dass er mich “lieb hat”, dann ist das für mich sehr befremdlich und irritierend. Also kommt es in meiner Gedankenwelt nicht vor.

Allerdings: Ruft meine Schwester mich mitten in der Nacht an und sagt, dass ich kommen soll – dann komme ich. Immer und jederzeit. Wenn obige Freundin mir mitteilt, dass ihre Welt gerade auseinanderbricht, dann setze ich mich ins Auto und fahre zu ihr, auch wenn sie am anderen Ende der Republik wohnt. Und wenn es sein muss, dann lege ich mich mit renitenten Eltern, aufdringlichen Ex-Freunden und nervigen Behördenmenschen an. Nicht für mich, sondern für eben jene Menschen.

Ich habe noch nie jemandem gesagt, dass ihn oder sie lieb habe. Ich sage nur: “Ich bin da.” Mehr kann ich nicht. Aber vielleicht meinen wir ja etwas Ähnliches?