Der letzte Tag…

“Was würdest du tun, wenn morgen dein letzter Tag wäre?” Die Frage, die Bloggerin Nicole und anschließend Mischa stellte, traf mich etwas unvorbereitet und setzte direkt eine Gedankenschleife in Gang. Was, wenn morgen mein letzter Tag wäre? Zugegeben, die Frage kam – in der einen oder anderen Ausprägung – schon mal auf. Aber wirklich zu Ende gedacht habe ich sie nie. Vielleicht, weil der letzte Tag unweigerlich mit dem Tod in Zusammenhang steht? Bevor ich es kontrollieren konnte, war ich schon im Gedankenexperiment drin.

Vielleicht, so meine leise Frage, würde ich an meinem letzten Tag einmal nicht autistisch sein wollen. Vielleicht möchte ich einmal erleben, wie es ist, die Welt so wahrzunehmen, wie andere es als “normal” empfinden. Vielleicht möchte ich an diesem Tag endlich verstehen, was all dieses Miteinander zwischen den Menschen ausmacht, diese engen Bindungen, die freundschaftlichen Verbundenheiten, dieses “ohne Worte verstehen”. Und vielleicht ist es gerade der Autismus, der mich dazu verleitet, dass ich innerlich laut “Nein!” rufe – will ich an meinem letzten Tag wirklich eine grundlegende Veränderung? Will ich an meinem letzten Tag wirklich erfahren, was ich eventuell “verpasst” habe, wie ich eventuell hätte sein können ohne Autismus? Will ich mir an meinem letzten Tag vor Augen führen, was ich alles nie war? Ich mag keine Veränderungen. Diese Veränderung würde ich erst Recht nicht mögen.

Vielleicht, so drehen sich die Rädchen im Kopf weiter, würde ich noch mal Gespräche suchen. Mit all den Menschen, die ich nie verstanden habe, die mich nie verstanden haben, wo nur verbrannte Erde, Verbitterung und Zorn zurückblieb. Vielleicht würde ich versuchen, ein letztes Mal Klarheit in diese ganzen verkorksten zwischenmenschlichen Beziehungen zu bringen. So etwas wie Versöhnung zu schaffen? Auch das verwerfe ich wieder. Warum sollte mein letzter Tag mit dem Flicken und Erklären von Beziehungen verloren sein, die sowieso am Ende waren und sind? Warum sollte ich an meinem letzten Tag förmlich um Verständnis, um Verstehen buhlen – vor allem: Will ich den anderen überhaupt verstehen? Oder wäre ich gezwungen, die Versöhnte zu sein, gerade WEIL es mein letzter Tag ist? Nein, die Dinge sind, wie sie sind. Und so werden sie schon gut sein. Irgendwie.

Ja, aber was mache ich jetzt mit diesem vermaledeiten letzten Tag? Vielleicht würde ich mich an diesem Tag zurückziehen in die Ruhe und Stille, dahin, wohin mein Autismus mich führt. Die Blätter am Baum betrachten und wie sich das Sonnenlicht in den Zweigen bricht. Das Meer riechen, die Brandung hören, den Möwen zusehen. Mich unter meinen schweren Decken in angenehmer Dunkelheit und warmer Stille verkriechen. Immer mit der Frage, ob ich es mir jetzt vielleicht endlich einmal erlauben darf – an meinem letzten Tag. Ob ich flattern, quietschen und meine Lieblingssendung in Dauerschleife schauen darf. Ob es heute, an diesem Tag einmal nicht defizitär, falsch, autistisch, sondern einfach mein Selbst ist.

Doch auch hier schüttelt mein innerer Philosoph den Kopf. Nein. Auch das ist es nicht. Weil da immer noch ein Gedanke ist, der stört: Heute ist dein letzter Tag, nutze ihn! Und all die Redner, die in mein Leben reingeredet haben, kommen darin zu Wort: Sei anders. Sei nicht du selbst, sei wie wir. Du bist falsch, sei richtig. Man muss seine Zeit nutzen. Mach was Sinnvolles, sonst ist dein Leben verkorkst. Aber so funktioniert das nicht. Das Leben ist kein Konto, bei dem ich ablaufende Lebenszeit durch “sinnvolles” Handeln aufrechnen kann. Das Leben ist nicht autistisch oder nicht autistisch, es ist schlicht meins. So, wie es ist. So, wie ich morgens aufstehe, so, wie ich abends ins Bett gehe. Mit den Freuden, den Abgründen, den Katastrophen, den Regenbögen.

Und da bleibt mir im Grunde nur eines: Wenn morgen mein letzter Tag wäre – dann würde ich es nicht wissen wollen. Das wäre die einzige Bedingung, die ich an diesen letzten Tag habe. Denn wenn ich an meinem letzten Tag alles anders mache oder nachhole, was ich versäumt habe, weil ich weiß, dass es mein letzter Tag sein wird – verrate ich dann nicht mein Leben? Wenn ich alles anders mache als sonst, sage ich dann nicht, dass es so, wie es war, nicht gut war? Dass ich nicht gut war, so wie ich bin? Ich habe keine Angst vor dem Tod. Aber meinen letzten Tag wünsche ich mir unbeschwert. Und Unbeschwertheit bekomme ich nicht, wenn ich weiß, dass die letzten Sandkörner in meiner Lebensuhr gerade am Fallen sind.

Brief an einen Autisten

Hallo, junger Mann,

da ist ein Brief für dich. Toll, oder? Ich habe selten Briefe bekommen. Und so gut wie nie bekam ich Briefe, in denen nette Dinge drinstanden. In deinem Alter, mit zehn Jahren, schon gar nicht. Heute auch nicht, da sind es eher so doofe und langweilige Sachen wie Rechnungen und Briefe vom Finanzamt. Aber du, du bekommst jetzt gerade einen Brief, der keine Rechnung, keine Mahnung, nichts vom Finanzamt und auch nichts aus der doofen Welt der Erwachsenen ist.

Als ich so alt war wie du, fand ich Astronomie und Star Trek ganz toll. Nur – das ist wie mit den Briefen – außer mir war da niemand, der das auch so toll fand. Im Gegenteil: Das, was mich interessierte, fanden andere doof. Das, was ich gerne tat, fanden andere doof. So, wie ich war, fanden andere mich doof. So richtig, richtig doof. Ganz oft wünschte ich mir, dass ein Raumschiff kommen würde, so wie die Enterprise aus Star Trek, ich nach oben gebeamt werde und zack! – in der Zukunft bin, in der Menschen, die anders sind, gewünscht und nicht störend sind. Ich wollte nicht “die Komische”, “die Andere”, “der Freak” sein. Und dann steht man da auf dieser großen weiten Welt und ist allein. Ganz allein. Meistens fand ich das Alleinsein auch nicht schlimm. Denn die anderen Menschen waren komisch und seltsam und ich verstand sie nicht. Manchmal fand ich sie sogar richtig dumm. Das Lustige ist, dass sie genauso von mir dachten. Ich sagte, dass ich das Alleinsein mögen würde und ein Stückweit stimmte das auch. Denn wenn man alleine ist, ist da kein anderer Mensch, der einen auslacht und weh tut. Aber heimlich habe ich die anderen beobachtet. Gesehen, wie sie Freundschaften schlossen, miteinander lachten und etwas unternahmen. Und ganz oft, da schrieben sie sich während der Unterrichtsstunden Briefe. Manche hatten sogar ganze Briefbücher. Nur ich, ich hatte natürlich keines. Mir schrieb niemand. Und wenn doch, dann standen da gemeine Sachen drin. Ich war nicht glücklich. Ich hasste mein “Anders-Sein”. Ich dachte, dass ich falsch und schlecht bin. Denn den anderen Menschen fielen all diese Sachen so leicht und ich, ich saß wie ein dummes Mädchen daneben.

Das ging lange so, da möchte ich ehrlich sein. Ich glaube die ganze Schulzeit, dass das nie aufhört. Und irgendwann kam dann ein Tag, da fiel mir auf: Es hatte schon aufgehört. Ganz langsam. So, dass ich es kaum merkte. Denn nur weil man anders ist, ist man nicht dumm. Und das merkten andere Menschen. Ich lernte Leute kennen, die fanden das gut. Gut, dass da jemand ist, der anders ist. Manchmal nennen sie mich “schräg”. Das ist nett gemeint, denn sie wollen meine Schrägheit.

Heute arbeite ich mit Menschen. Mit Menschen, die auch anders sind, jeder auf seine Weise. Manche sind sogar noch schräger als ich. Aber weil wir irgendwie alle schräg sind, verstehen wir uns. Früher war ich anders und falsch. Heute bin ich anders und genau das ist meine Stärke. Heute weiß ich, dass da draußen ganz viele sind, die so sind wie ich. Und wie du. Wir beide sind schon zwei. Und dann kommen da noch viele, viele mehr dazu.

Sicher, einfach ist es nicht, mit dem Anders-Sein in dieser Welt. Aber es braucht auch viel weniger, als man glaubt, um glücklich zu sein. Heute bin ich glücklich. An manchen Tagen mehr, an manchen Tagen weniger. Okay, an manchen Tagen finde ich auch alles doof, aber das darf auch mal sein. Das Glück kam in kleinen Schritten und plötzlich war es da. Und dieses Glück wünsche ich dir auch.  Vielleicht kommt es bei dir nicht in kleinen Schritten, sondern in kleinen Briefen. In Briefen aus dem Internet, die dir zeigen, dass du nicht alleine bist.

Deine Autzeit

Ich bin wieder hier

Vier Monate. Zack! – und vorbei. Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Die Zeit hat mich eingeholt und erst durch eine nette Email vergangene Woche ist mir aufgegangen, wie lange meine Pause eigentlich gedauert hat.

Dabei ist viel passiert. Ich arbeite zwischenzeitlich – und das ganz passabel – voll selbstständig und auch wenn die Tage irrsinnig anstrengend sind: Es klappt. In einem Berufsfeld, wo ich es am wenigsten erwartet habe.

Dazu kamen noch ein paar private Umbrüche, alle aber eher positiv. Es scheint, als wäre die Zeit der großen Katastrophen (erst einmal) vorbei. Ich weiß nicht, wie lange der Zustand andauern wird. Aber ich habe mich entschlossen, ihn erst einmal aus vollen Zügen zu genießen. Es wird Frühling. Mein Frühling. Bislang war es ein gutes Jahr. Ich möchte, dass es so bleibt. Also: Daumen drücken. Und keine Sorge – ich schreibe weiter. Denn auch wenn so viel Zeit ins Land gegangen ist, mein Blog hat mir gefehlt.

Ich halt dich fest, bis du aufhörst

Vor wenigen Tagen zog eine Seminarteilnehmerin bei der beschriebenen positiven Wirkung schwerer Decken bei autistischen Menschen einen – in meinen Augen – Fehlschluss. Zur Festhaltetherapie. Immer wieder taucht im Zusammenhang mit Autismus diese Therapieform auf, bei der Kinder, die keine Berührungen erdulden oder ertragen, so lange festgehalten werden, bis sie sich nicht mehr wehren. Damit sind häufig heftigste Schreiereien, massive Gegenwehr und tiefe Erschöpfungszustände verbunden. Spricht man mit Autisten, die in den “Genuss” dieser Therapie kamen, so beschreiben fast alle dieses Ereignis als traumatisch.

Die Ärzte und Therapeuten, die so behandeln, sind der Meinung, dass autistische Kinder, die berührungsempfindlich sind, desensibilisiert werden müssten. Wenn sie irgendwann aufhören, zu schreien, sei dies ein Zeichen, dass sie merken, dass die Berührung ja “doch nicht so schlimm” sei. Fragt man auch hier wieder einmal die Betreffenden an, hört sich das anders an. “Es hätte keinen Sinn gehabt, mich zu wehren”, sagte mir eine Autistin. “Da war jemand Übermächtiges und ich konnte irgendwann nur noch aufgeben.” Das Ruhig-Werden ist demnach reine Resignation, eine Kapitulation vor einem Gegner, dessen Willen einer anderen Person aufgezwungen wird und bei der er keine Rückzugsmöglichkeit hat – schlimmer noch, eine Person, zu der man in einem engen emotionalen Verhältnis steht. Dabei geht es nie darum, notwendige Grenzen aufzuzeigen und eine konsequente und manchmal auch strenge Erziehung an den Tag zu legen – hier geht es nur darum, dass ein Wille förmlich gebrochen wird.

Allerdings gibt es noch einen weiteren Aspekt, der mir im Zusammenhang mit der Festhaltetherapie sehr quer kommt und die mich daher massiv an Seriösität und Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens zweifeln lässt. Denn wo hört das sich Unterordnen unter einen anderen Willen auf? Wer darf dich festhalten, bis du aufhörst, dich zu wehren, wer dich berühren, obwohl du deutlich machst, dass du es nicht willst? Wo ist der Unterschied im “Nein, ich will das nicht!”? Liegt der Unterschied bei Mama und Papa, bei Oma und Opa, beim netten Nachbarn nebenan oder bei dem Fremden, der jeden Morgen am Schulweg wartet? Und wie bringe ich einem Kind bei, dass manche Menschen einem Berührungen aufzwingen dürfen trotz heftigster Gegenwehr und das okay ist, in anderen Situationen aber doch bitte gerade Gegenwehr gewünscht ist?

Haben sich all die Eltern, die ihr autistisches Kind stundenlang festhalten und jede Abwehr im Keim ersticken wollen, schon mal die Frage gestellt, ob nicht eines Tages jemand kommen könnte, der genau das auch mit ihrem Kind macht. Und mit genau den gleichen Worten behauptet, dass das “schön” sei? Wo ist der Unterschied? Und wenn das Kind bereits früh lernt, dass es gegen die übermächtigen Umarmungen anderer Menschen keine Chance hat – aus welchem Grund sollte es sich in einem Kontext wehren, der nicht mit Liebe und Zuneigung, sondern mit Missbrauch in Zusammenhang steht? Gelernt hat es doch, dass es erst aufhört, wenn es ruhig wird. Mitmacht. Willig ist.

Ich sage nicht, dass die Festhaltetherapie mit sexuellem Missbrauch gleichzusetzen ist. Ich stelle aber die Behauptung in den Raum, dass Art und Vorgehen dieser “Therapie” Missbrauch jeglicher Form Tür und Tor öffnet und die Kinder dann vielleicht das Bedürfnis der Eltern (!) nach Nähe und Kuscheln erfüllen können, zugleich aber einer nicht immer liebenden Welt schutzlos ausgeliefert werden.

Ein “Nein” ist ein “Nein”, immer und jederzeit. Gerade, wenn es um die eigenen körperlichen Grenzen geht. Und für dieses “Nein” sollte es keine Ausnahme geben. Auch bei Autisten nicht.

Hochbegabung

In den vergangenen Wochen fallen mir zunehmend Berichte auf, die sich mit dem Thema Hochbegabung beschäftigen. Das bewegt mich nun zu diesem sehr subjektiven Blogbeitrag, der einzig, allein und ausschließlich meine persönliche Meinung wiedergibt. In diesen Berichten scheint es vor allem zwei Tendenzen zu geben: 1. Hochbegabung ist toll, das hätten wir alle gerne. 2. Hochbegabung ist toll, nur sozial sind die etwas schwierig. Hätten wir trotzdem alle gerne.

Da gibt es Helikoptereltern, die bereits pränatal wissen, dass ihr Kind hochbegabt ist, weil sie den IQ über den Muttermund messen können. Dann gibt es Kinder, die durch abertausende Förderprogramme geschleift werden, weil sie doch bitte endlich mal ihre eindeutig vorhandene Hochbegabung ausspielen sollen. Und dann gibt es verzogene Kinder, deren Hochbegabung nicht zur Entfaltung kommt, weil die Ärzte, Lehrer, Pädagogen “zu dumm für das Kind” sind.

Irgendwo in diesem ganzen Chaos gibt es sie allerdings wirklich – die Hochbegabten. Die mittels eines amtlichen IQ-Tests einen Wert von 130 und mehr Punkten erreichen und somit zu zwei Prozent der Bevölkerung zählen, die – ja, was? In einem IQ-Test einen Wert über 130 Punkten erzielen. Interessant: Formal gesehen gehören sie zu einer Minderheit. Eine Minderheit mit Eigenschaften, diegesellschaftlich nicht erstrebenswert sind, wird diskriminiert (Rollstuhlfahrer, Autisten, Gehörlose, Homosexuelle, und so weiter und so fort). Eine Minderheit mit Eigenschaften, die gesellschaftlich als erstrebenswert gelten, wird landläufig als “Elite” bezeichnet. WTF?

Ich habe mich notgedrungen mit diesem Thema beschäftigen müssen, denn in meiner Schulzeit sollte auch ich an so einem Test teilnehmen. Ich wusste nicht einmal, um was es geht – und erreichte einen Wert um die 150. “Damit geht man nicht hausieren, behalt das schön für dich”, hieß es danach. Ich will es aber nicht mehr für mich behalten. Nicht, weil ich auf diesen Wert stolz bin – schließlich kann ich nichts dafür. Sondern, weil ich in eine gesellschaftliche Maschinerie geraten bin, die so krank und abartig ist, dass ich das nicht einfach hinnehmen oder gar als erstrebenswert stehen lassen möchte. Nach dem Test konnte ich gar nicht so schnell schauen, da war ich in “Förderprogrammen” drin (die “Elite-Schule” konnte ich gerade noch so abwiegeln, ich war so “blockiert”, dass ich mein Abi in den drei verbliebenen Jahren und nicht in einem machen wollte…). Allesamt von Unternehmen gesponsort, die ein Ziel hatten: Potentiell hochleistungsfähige Mitarbeiter rekrutieren. Einer der Schlüsselmomente war, als ein Philosophieprofessor (“Mein guter Freund Martin Heidegger…” – “Manchmal haben Martin und ich gemütlich Wein getrunken und dabei…”) einer Jugendakademie am Fenster stand, auf die Innenstadt blickte und sagte: “Wenn ich aus dem Fenster sehe, dann sehe ich nur dumme Menschen. Aber hier, hier sitzt die Elite.” Der Habitus, der dahintersteckte, löste bei mir dann doch einen Würgereiz aus.

Was bedeutet dieses Wort “Hochbegabung” denn nun für mich? Es heißt, dass ich Inhalte sehr schnell erfasse. Und mir sehr gut merken kann. Dass ich analytisch Dinge schnell durchdenke, dass mir Fehler auffallen, ich Prozesse durchblicke und mich sehr schnell einfinden kann. Es heißt auch, dass mir die Geduld mit anderen Menschen manchmal fehlt, wenn sie irgendetwas partout nicht verstehen wollen, obwohl es offenkundig (für mich) ist. Es heißt auch, dass mir Dinge oft viel zu langsam gehen, weil ich schneller als andere arbeite und mehrere Ebenen mit in mein Handeln einbeziehe. Es heißt, dass ich nicht einfach handeln, sondern viel zu viel denken muss. Dass ich mich schnell langweile – und Langeweile auf Dauer macht krank. Das gilt für alle Menschen. Und sicher, es hilft mir, die typischen autistischen Symptome im Alltagskontext zumindest in Teilen zu kaschieren. Nebenbei bemerkt: Trotz zweifach bestätigter Hochbegabung bin ich trotzdem nicht in der Lage, Zahlen ohne Anstrengung korrekt ohne Zahlendreher aufzuschreiben. Und das bereits im zweistelligen Bereich.

Es heißt aber auch, dass es ein Doppelleben ist. Denn einerseits kann ich in herkömmlichen Kontexten nicht das leisten, was vielleicht ginge, weil die Rahmenbedingungen nicht passen. Also schraubt man sich selbst ständig herunter, baut Fehler ein, weiß vermeintlich Dinge nicht, obwohl man sie weiß. Warum? Weil man mittelfristig nur Ärger bekommt, Neid, Missgunst, Beschimpfungen. Die einem suggeriert, dass man ein schlechter Mensch ist, weil man Dinge, für die andere sechs Monate brauchen, in wenigen Tagen erledigt. Und dann gibt es noch die andere Seite, die sich “Förderung” auf die Fahnen geschrieben hat. Per se ja nicht mal verkehrt – allerdings ist mir persönlich noch keine “uneigennützige Förderung” untergekommen. Das Prinzip war immer gleich: “Wir beschäftigen dich geistig und dafür stellst du uns dein Potential zur Verfügung. Wir schauen nicht nach Stärken und Schwächen, sondern wir entscheiden, dass du alles kannst. Schließlich bist du ja hochbegabt. Parallel suggerieren wir, dass du aber trotzdem zu dumm für diese Welt bist, damit du nicht auf die Idee kommst, unseren Standpunkt in Frage zu stellen.” Überspitzt formuliert…

So kommt man sich dann schnell vor wie das Melkvieh der Nation. In die Pflicht genommen, der “Gesellschaft zu nutzen”, weil man einen IQ über 130 hat. In all den Jahren, in denen ich in diversen Förderprogrammen war, ist mir eine Frage allerdings nie gestellt worden: “Willst du das überhaupt?” Habe ich verweigert, galt ich als “Underachiever” und behandlungsbedürftig. Habe ich brav nach der Pfeife der Förderer getanzt, war ich eine gute, glückliche und optimal geförderte Hochbegabte, die ihre  150 IQ-Punkte der Wirtschaft, der Gesellschaft und Hinz und Kunz zur Verfügung stellt.

Dieses Schielen rein nach einem IQ-Wert geht mir – gelinde gesagt – irrsinnig auf den Keks. Denn dieser Wert sagt nur etwas über die “Hardware” eines Menschen aus, gibt aber null Aufschluss über die Software. Die höchte Intelligenz nützt nichts, wenn das Herz hinter dem Kopf das eines Sadisten ist. Und wenn ausgerechnet der weiß, wie der die “Hardware” zu nutzen hat, dann hat man ein Problem.

Meine Überzeugung ist zwischenzeitlich, dass dieser Test-Wert vollkommen unerheblich ist. Und dass der Hype darum vor allem von Leuten produziert wird, die gerne solche Test-Ergebnisse hätten, aber nicht wirklich wissen, was – zumindest in der heutigen Zeit – das für Folgen hat. Die glauben, viel Intelligenz heißt gleichzeitig viel Erfolg, viel Geld und viel Glück. Wenn ich aber anfange, Kinder nur noch über ihren IQ-Wert zu definieren, dann vermittle ich doch vor allem eine Botschaft: “Du bist nur liebenswert, wenn du etwas leistest.” Das hochbegabte Kind, das gerne im Sand wühlt, ist aber vollkommen in Ordnung. Es muss nicht Geige lernen, in der vielleicht langweiligen Schnellkopfrechen-Förder-AG sein oder 72 gesellschaftstaugliche Hobbys vorweisen. Und es muss auch nicht auf Teufel komm raus den Stempel “hochbegabt” verpasst bekommen, wenn es glücklich und zufrieden ist und die Möglichkeit hat, sich zu entfalten. Ganz ohne Förderwut. Ebenso das normalbegabte Kind, das unbedingt Schach spielen möchte, obwohl es die Regeln nicht wirklich versteht. Dem “Das kannst du nicht” ist da ein viel Wichtigeres “Wenn du es gerne machst, dann mach” entgegenzusetzen. Der Schaden, den man aber anrichtet, wenn man dem Kind permanent eintrichtert, dass es eigentlich viel zu intelligent für diese Welt ist und nur maximale Förderung, aber bitte kein Kind-Sein braucht – das ist fatal. Ist aber wahrscheinlich nicht einfach in einer Werte-Gesellschaft, in der Leistung über Menschlichkeit steht.

Chaoswelten

Ich wirke ruhig. Sehr ruhig. So ruhig, dass es gefährlich ist, für mich. Wenn mein Außen schweigt, ist das Innen im Chaos. Dann überrennen mich Körperreaktionen, die ich nicht einordnen, nicht benennen, nicht sortieren kann. Ich sage mir meine Tagespunkte laut vor, nur um sie im nächsten Moment zu vergessen. Ich plane alles schriftlich ein, nur um dann den Zettel zu verlegen. Ich beobachte meine Umwelt, bin aber nicht mehr dabei. Ganz ruhig. Fingerschnippen mit der linken Hand. Immer und immer wieder. Ich rede nicht, schaue nur. Und sehe doch nichts. In meinem Kopf stürzen Gedankenspiralen ineinander, verdrehen sich, verquirlen sich, sind nicht mehr zuzuordnen, ergeben heilloses Chaos. Ich kann das nicht. Ich finde die Anschlüsse nicht. Gehe achtlos vorbei an den Dingen, die wichtig sind. Die mir wichtig sind. Sehe nicht mehr.

Ich weiß, wo ich bin. Im Auge des Orkans.

Farbenspiel der Töne

Es gibt etwas in meinem Leben, ohne das könnte ich wohl nicht leben: Die Musik. Nun komme ich immer ins Schleudern, wenn mich jemand nach fragt, welche Musikrichtung ich höre. Denn ich habe keine “Richtung”. Und Musik ist für mich auch etwas, das weit über das reine Hören hinausgeht.

Zum einen gibt es Lieder, die ich als “Wasserlieder” bezeichne. Deren Textur ich wie fließendes Wasser an einer Glasscheibe vor mir sehe. Es gibt zwei Arten davon, die einen, die sanft und gemächlich dahinplätschern und die anderen, die wie ein reißender Bach sind. Die keine Grundfarbe haben, sondern nur diese Wassertextur. Nur ersteres empfinde ich als angenehm, und diese Wasserlieder sind für mich die Perfektion. In meiner Sammlung befinden sich drei Lieder, die tatsächlich Wasserlieder sind. Mehr habe ich bislang noch nicht gefunden.

Und dann ist da die Musik, die ich als “schön” empfinde, die aber nicht perfekt ist. In der sich Farben und Formen in stetigen Mustern bewegen, ineinanderlaufen, verschieben. Manche Gruppen schaffen es, all ihren Liedern eine bestimmte “Grundfarbe” zu geben. Bestimmte Instrumente dominieren ein Stück farblich, wie zum Beispiel Geigen. Geigen alleine mag ich nicht, erst mit der “richtigen” Untermalung mit anderen Instrumenten passt es. Dafür “sehe” ich eine Geige in jedem Orchester heraus.

Manchmal gibt es Lieder, ich von der Machart oder der Frequenz eigentlich gar nicht leiden mag, die aber so tolle Farben haben, dass ich sie mir doch anhören möchte. Interessant ist dabei, dass der visuelle Eindruck der Entscheidende ist: Ein Lied kann mir vom Hören noch so gut gefallen, wenn es farblich “nicht passt”, dann kommt es mir nicht ins Haus. Umgekehrt kann ein Lied rein akustisch aber nicht mein Fall sein, das Farbenspiel bringt mich aber doch dazu, es in meine Sammlung aufzunehmen.

Manche Lieder sind wie ein Sprühregen aus Farben und Formen, andere dominieren mit starken Texturen. Wenn ich Musik höre, dann sehr bewusst. Dann mache ich nichts anderes, sondern beobachte nur das Kommen und Gehen der Farben. Mich nebenbei “berieseln” lassen, das geht hiermit einfach nicht.

Schließlich gibt es noch die “Zauberlieder” – Musik, die einzig dafür geschaffen worden zu sein schien, um beim Hören ganze Landschaften zu “malen”.

Musik ist für mich also mehr als ein Gesamtspiel an Instrumenten und Takten. Viel mehr. Ist eine falsche “Farbe” im Stück, dann ist es vorbei. Aber durch die vielen Farben kommt es auch, dass meine Musikstücke so breit aufgestellt sind: Von Metal/Hard-Rock bis Klassik und Chansons, Schlager bis Pop, Rock und manchmal sogar Hip-Hop – wenn der visuelle Eindruck stimmt, höre ich mir das Lied auch an.