Tiefenglanz

Ich schleiche um die Boote. Es ist tiefe Nacht, aber ich bin mir sicher. Sicher, dass es eine dieser magischen Nächte ist, in denen alles stimmt: Strömung, Temperatur, Wind und Wetter waren ideal für diese winzig kleinen Tierchen, die mich in einen wahren Strudel der Verzückung ziehen und mich dazu verleiten, nachts auf dem wackeligen Bootssteg ins tiefschwarze Wasser zu starren. Und auch bei Tage meinte ich schon, immer wieder einige von ihnen auszumachen – allerdings nicht in der faszinierenden Version.

Ich halte Ausschau nach den verräterischen Lichtblitzen, die nur zu leicht für einfache Spiegelungen von Lampen an Land gehalten werden können. Die hellen Stellen, wo tatsächlich Lampen am Steg hängen, lasse ich beiseite. Ebenso die meerseitigen Bootsbuchten, hier ist die Strömung zu stark. Direkt an Land habe ich schon mal Glück, aber meist ist die Eigenbewegung der Stege zu stark. Ideal sind die Bedingungen in den mittleren Buchten, die am äußersten Arm, aber doch auf der Landseite liegen. Hier steht das Wasser verhältnismäßig ruhig, sieht man einmal von Ebbe und Flut ab. Und da! Erwischt. Wie eine Blase scheint etwas vom Meeresboden aufzusteigen und grünlich-bläulich zu zerplatzen. Vor mir das Pärchen läuft achtlos weiter, sie haben nichts bemerkt. Ich jedoch muss mich zusammenreißen, vor Freude nicht zu hüpfen. Vorsichtig bücke ich mich auf dem wackeligen Steg, tauche langsam die Hand ins schwarze Wasser und spritze. Dort, wo meine Hand durch das Wasser ging, hinterlässt sie eine grüne Leuchtspur. Wo die Tropfen im Wasser aufkommen, lösen sie ringförmig ein kurzes, grünes Leuchten aus, das in leichten Wellen nach außen binnen weniger Sekunden wieder verblasst.

Zwei Stunden springe ich von Bootssteg zu Bootssteg und spritze Wasser durch den Hafen. Es dauert nicht lange und andere Bootsinhaber bemerken mein Treiben. Anstatt es befremdlich zu finden, wissen sie genau, was los ist. Sie kommen selbst an den Steg, häufig in Begleitung ihrer Kinder und versuchen, das Meeresleuchten zu erzeugen und festzuhalten. Gerade Handys streiken hier gerne, trotzdem bin ich fasziniert, wie sich die “Generation Playstation” von einfachen kleinen, fluoriszierenden Bakterien, die bei Bewegung aufleuchten, beeindrucken lässt.

Für mich gehört – natürliche Erklärung hin oder her – das Leuchten der Nordsee zu einem der großen Wunderwerke der Natur. Etwas, dessen Faszination auch nach dem zehnten Meeresleuchten nicht nachlassen will.DSC_0422

Wachtraum

Mein Traum ist sieben Meter lang. Zugegeben: Sie gehört eher zu den Kleinen. Ganze vier Meter Platz bleiben unten, noch einmal zwei Meter oben. 6 PS treiben sie an, wenn der Wind nicht günstig steht. Die “Seiltänzertraum” ist eine kleine Neptun 23, eine Mini-Segelyacht mit Schwertkiel und einem knappen halben Meter Tiefgang. Und sie eröffnet mir die Weiten der Nordsee – und ihre Wunder. Nirgends schlafe ich so gut wie auf meiner “Seiltänzertraum”, nirgends fühle ich mich bei Sturm und Regen mehr geborgen als in ihrem schaukelnden Bauch – sieht man mal von meinem eigenen Schlafzimmer ab. Und sie gehört mir. Seit Anfang des Jahres darf ich sie “mein Boot” nennen. Und so langsam lerne ich auch den alleinigen Umgang mt ihr. Knoten und Steuerung, den fachkundigen Blick auf Wellen und Sandbank, Strömung und Tide. Ich bin zu Hause.

Umzugskistenangstvorfreude

Viele Überlegungen standen in den vergangenen Wochen im Raum. Und dann, eines Tages, war es soweit. Ich sage adé zu der Wohnung, die, wenn ich ehrlich bin, mir schon länger fremd geworden ist. Die Kündigung war ausgedruckt, der Vermieter wusste Bescheid, die erste Wohnungsbesichtigung steht an. Ich selbst wohne noch in dieser Wohnung, nenne sie aber schon lange nicht mehr “zuhause”. Zuhause bin ich nur ein paar Kilometer entfernt, in einem NT-Chaos-Haushalt, Familienanschluss inklusive. In meinem Hinterkopf braut sich eine dumpfe Sorge zusammen, dass das irgendwann doch nicht klappt. Dass 300 Quadratmeter zu eng werden. Dass Kinder und Schwiegermutter und Hund zu viel werden. Und dann schaue ich wieder auf die vergangenen Monate und denke: Es kann klappen. Mit Knirschen und vielleicht auch Tränen – aber ich sehe das Potenzial, dass es sich zurechtrücken kann.

Und wieder habe ich das Gefühl, an einer Schwelle zu stehen. Eine Schwelle in ein neues, ein anderes Leben. Eine Schwelle, die vor einigen Jahren so noch gar nicht sichtbar war – und streng genommen auch nicht vor einem Jahr. Manchmal schaue ich von außen auf dieses Leben und denke: Es ist plötzlich so normal. So einfach normal. Und gleichzeitig für mich so besonders, WEIL normal.

Ich habe mir vorgenommen, diesen Umzug endgültig zu machen. Ein Großteil meiner Sachen landet auf dem Müll. Ein Teil ist alt und verwohnt und einfach unpraktisch, ein anderer Teil wurde von mir nur aus Nostalgie oder gekonnter Verdrängung behalten. Mir graut es davor, schon wieder alles in Kisten zu packen. Und gleichzeitig freue ich mich, denn es sollen wenige Kisten werden, die ich packe. Der Rest: Ballast. Ungebraucht, ungenutzt, unnütz. Weg damit. Das neue Leben soll ohne Ballast beginnen, ganz frei und unbeschwert. Soweit es mir möglich ist. Und im Rückblick sehe ich, dass die vergangenen Jahre der Weg waren, der es mir ermöglicht hat, heute genau das zu tun: Ballast abzuwerfen. Endlich.

Der letzte Tag…

“Was würdest du tun, wenn morgen dein letzter Tag wäre?” Die Frage, die Bloggerin Nicole und anschließend Mischa stellte, traf mich etwas unvorbereitet und setzte direkt eine Gedankenschleife in Gang. Was, wenn morgen mein letzter Tag wäre? Zugegeben, die Frage kam – in der einen oder anderen Ausprägung – schon mal auf. Aber wirklich zu Ende gedacht habe ich sie nie. Vielleicht, weil der letzte Tag unweigerlich mit dem Tod in Zusammenhang steht? Bevor ich es kontrollieren konnte, war ich schon im Gedankenexperiment drin.

Vielleicht, so meine leise Frage, würde ich an meinem letzten Tag einmal nicht autistisch sein wollen. Vielleicht möchte ich einmal erleben, wie es ist, die Welt so wahrzunehmen, wie andere es als “normal” empfinden. Vielleicht möchte ich an diesem Tag endlich verstehen, was all dieses Miteinander zwischen den Menschen ausmacht, diese engen Bindungen, die freundschaftlichen Verbundenheiten, dieses “ohne Worte verstehen”. Und vielleicht ist es gerade der Autismus, der mich dazu verleitet, dass ich innerlich laut “Nein!” rufe – will ich an meinem letzten Tag wirklich eine grundlegende Veränderung? Will ich an meinem letzten Tag wirklich erfahren, was ich eventuell “verpasst” habe, wie ich eventuell hätte sein können ohne Autismus? Will ich mir an meinem letzten Tag vor Augen führen, was ich alles nie war? Ich mag keine Veränderungen. Diese Veränderung würde ich erst Recht nicht mögen.

Vielleicht, so drehen sich die Rädchen im Kopf weiter, würde ich noch mal Gespräche suchen. Mit all den Menschen, die ich nie verstanden habe, die mich nie verstanden haben, wo nur verbrannte Erde, Verbitterung und Zorn zurückblieb. Vielleicht würde ich versuchen, ein letztes Mal Klarheit in diese ganzen verkorksten zwischenmenschlichen Beziehungen zu bringen. So etwas wie Versöhnung zu schaffen? Auch das verwerfe ich wieder. Warum sollte mein letzter Tag mit dem Flicken und Erklären von Beziehungen verloren sein, die sowieso am Ende waren und sind? Warum sollte ich an meinem letzten Tag förmlich um Verständnis, um Verstehen buhlen – vor allem: Will ich den anderen überhaupt verstehen? Oder wäre ich gezwungen, die Versöhnte zu sein, gerade WEIL es mein letzter Tag ist? Nein, die Dinge sind, wie sie sind. Und so werden sie schon gut sein. Irgendwie.

Ja, aber was mache ich jetzt mit diesem vermaledeiten letzten Tag? Vielleicht würde ich mich an diesem Tag zurückziehen in die Ruhe und Stille, dahin, wohin mein Autismus mich führt. Die Blätter am Baum betrachten und wie sich das Sonnenlicht in den Zweigen bricht. Das Meer riechen, die Brandung hören, den Möwen zusehen. Mich unter meinen schweren Decken in angenehmer Dunkelheit und warmer Stille verkriechen. Immer mit der Frage, ob ich es mir jetzt vielleicht endlich einmal erlauben darf – an meinem letzten Tag. Ob ich flattern, quietschen und meine Lieblingssendung in Dauerschleife schauen darf. Ob es heute, an diesem Tag einmal nicht defizitär, falsch, autistisch, sondern einfach mein Selbst ist.

Doch auch hier schüttelt mein innerer Philosoph den Kopf. Nein. Auch das ist es nicht. Weil da immer noch ein Gedanke ist, der stört: Heute ist dein letzter Tag, nutze ihn! Und all die Redner, die in mein Leben reingeredet haben, kommen darin zu Wort: Sei anders. Sei nicht du selbst, sei wie wir. Du bist falsch, sei richtig. Man muss seine Zeit nutzen. Mach was Sinnvolles, sonst ist dein Leben verkorkst. Aber so funktioniert das nicht. Das Leben ist kein Konto, bei dem ich ablaufende Lebenszeit durch “sinnvolles” Handeln aufrechnen kann. Das Leben ist nicht autistisch oder nicht autistisch, es ist schlicht meins. So, wie es ist. So, wie ich morgens aufstehe, so, wie ich abends ins Bett gehe. Mit den Freuden, den Abgründen, den Katastrophen, den Regenbögen.

Und da bleibt mir im Grunde nur eines: Wenn morgen mein letzter Tag wäre – dann würde ich es nicht wissen wollen. Das wäre die einzige Bedingung, die ich an diesen letzten Tag habe. Denn wenn ich an meinem letzten Tag alles anders mache oder nachhole, was ich versäumt habe, weil ich weiß, dass es mein letzter Tag sein wird – verrate ich dann nicht mein Leben? Wenn ich alles anders mache als sonst, sage ich dann nicht, dass es so, wie es war, nicht gut war? Dass ich nicht gut war, so wie ich bin? Ich habe keine Angst vor dem Tod. Aber meinen letzten Tag wünsche ich mir unbeschwert. Und Unbeschwertheit bekomme ich nicht, wenn ich weiß, dass die letzten Sandkörner in meiner Lebensuhr gerade am Fallen sind.

Brief an einen Autisten

Hallo, junger Mann,

da ist ein Brief für dich. Toll, oder? Ich habe selten Briefe bekommen. Und so gut wie nie bekam ich Briefe, in denen nette Dinge drinstanden. In deinem Alter, mit zehn Jahren, schon gar nicht. Heute auch nicht, da sind es eher so doofe und langweilige Sachen wie Rechnungen und Briefe vom Finanzamt. Aber du, du bekommst jetzt gerade einen Brief, der keine Rechnung, keine Mahnung, nichts vom Finanzamt und auch nichts aus der doofen Welt der Erwachsenen ist.

Als ich so alt war wie du, fand ich Astronomie und Star Trek ganz toll. Nur – das ist wie mit den Briefen – außer mir war da niemand, der das auch so toll fand. Im Gegenteil: Das, was mich interessierte, fanden andere doof. Das, was ich gerne tat, fanden andere doof. So, wie ich war, fanden andere mich doof. So richtig, richtig doof. Ganz oft wünschte ich mir, dass ein Raumschiff kommen würde, so wie die Enterprise aus Star Trek, ich nach oben gebeamt werde und zack! – in der Zukunft bin, in der Menschen, die anders sind, gewünscht und nicht störend sind. Ich wollte nicht “die Komische”, “die Andere”, “der Freak” sein. Und dann steht man da auf dieser großen weiten Welt und ist allein. Ganz allein. Meistens fand ich das Alleinsein auch nicht schlimm. Denn die anderen Menschen waren komisch und seltsam und ich verstand sie nicht. Manchmal fand ich sie sogar richtig dumm. Das Lustige ist, dass sie genauso von mir dachten. Ich sagte, dass ich das Alleinsein mögen würde und ein Stückweit stimmte das auch. Denn wenn man alleine ist, ist da kein anderer Mensch, der einen auslacht und weh tut. Aber heimlich habe ich die anderen beobachtet. Gesehen, wie sie Freundschaften schlossen, miteinander lachten und etwas unternahmen. Und ganz oft, da schrieben sie sich während der Unterrichtsstunden Briefe. Manche hatten sogar ganze Briefbücher. Nur ich, ich hatte natürlich keines. Mir schrieb niemand. Und wenn doch, dann standen da gemeine Sachen drin. Ich war nicht glücklich. Ich hasste mein “Anders-Sein”. Ich dachte, dass ich falsch und schlecht bin. Denn den anderen Menschen fielen all diese Sachen so leicht und ich, ich saß wie ein dummes Mädchen daneben.

Das ging lange so, da möchte ich ehrlich sein. Ich glaube die ganze Schulzeit, dass das nie aufhört. Und irgendwann kam dann ein Tag, da fiel mir auf: Es hatte schon aufgehört. Ganz langsam. So, dass ich es kaum merkte. Denn nur weil man anders ist, ist man nicht dumm. Und das merkten andere Menschen. Ich lernte Leute kennen, die fanden das gut. Gut, dass da jemand ist, der anders ist. Manchmal nennen sie mich “schräg”. Das ist nett gemeint, denn sie wollen meine Schrägheit.

Heute arbeite ich mit Menschen. Mit Menschen, die auch anders sind, jeder auf seine Weise. Manche sind sogar noch schräger als ich. Aber weil wir irgendwie alle schräg sind, verstehen wir uns. Früher war ich anders und falsch. Heute bin ich anders und genau das ist meine Stärke. Heute weiß ich, dass da draußen ganz viele sind, die so sind wie ich. Und wie du. Wir beide sind schon zwei. Und dann kommen da noch viele, viele mehr dazu.

Sicher, einfach ist es nicht, mit dem Anders-Sein in dieser Welt. Aber es braucht auch viel weniger, als man glaubt, um glücklich zu sein. Heute bin ich glücklich. An manchen Tagen mehr, an manchen Tagen weniger. Okay, an manchen Tagen finde ich auch alles doof, aber das darf auch mal sein. Das Glück kam in kleinen Schritten und plötzlich war es da. Und dieses Glück wünsche ich dir auch.  Vielleicht kommt es bei dir nicht in kleinen Schritten, sondern in kleinen Briefen. In Briefen aus dem Internet, die dir zeigen, dass du nicht alleine bist.

Deine Autzeit

Ich bin wieder hier

Vier Monate. Zack! – und vorbei. Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Die Zeit hat mich eingeholt und erst durch eine nette Email vergangene Woche ist mir aufgegangen, wie lange meine Pause eigentlich gedauert hat.

Dabei ist viel passiert. Ich arbeite zwischenzeitlich – und das ganz passabel – voll selbstständig und auch wenn die Tage irrsinnig anstrengend sind: Es klappt. In einem Berufsfeld, wo ich es am wenigsten erwartet habe.

Dazu kamen noch ein paar private Umbrüche, alle aber eher positiv. Es scheint, als wäre die Zeit der großen Katastrophen (erst einmal) vorbei. Ich weiß nicht, wie lange der Zustand andauern wird. Aber ich habe mich entschlossen, ihn erst einmal aus vollen Zügen zu genießen. Es wird Frühling. Mein Frühling. Bislang war es ein gutes Jahr. Ich möchte, dass es so bleibt. Also: Daumen drücken. Und keine Sorge – ich schreibe weiter. Denn auch wenn so viel Zeit ins Land gegangen ist, mein Blog hat mir gefehlt.

Ich halt dich fest, bis du aufhörst

Vor wenigen Tagen zog eine Seminarteilnehmerin bei der beschriebenen positiven Wirkung schwerer Decken bei autistischen Menschen einen – in meinen Augen – Fehlschluss. Zur Festhaltetherapie. Immer wieder taucht im Zusammenhang mit Autismus diese Therapieform auf, bei der Kinder, die keine Berührungen erdulden oder ertragen, so lange festgehalten werden, bis sie sich nicht mehr wehren. Damit sind häufig heftigste Schreiereien, massive Gegenwehr und tiefe Erschöpfungszustände verbunden. Spricht man mit Autisten, die in den “Genuss” dieser Therapie kamen, so beschreiben fast alle dieses Ereignis als traumatisch.

Die Ärzte und Therapeuten, die so behandeln, sind der Meinung, dass autistische Kinder, die berührungsempfindlich sind, desensibilisiert werden müssten. Wenn sie irgendwann aufhören, zu schreien, sei dies ein Zeichen, dass sie merken, dass die Berührung ja “doch nicht so schlimm” sei. Fragt man auch hier wieder einmal die Betreffenden an, hört sich das anders an. “Es hätte keinen Sinn gehabt, mich zu wehren”, sagte mir eine Autistin. “Da war jemand Übermächtiges und ich konnte irgendwann nur noch aufgeben.” Das Ruhig-Werden ist demnach reine Resignation, eine Kapitulation vor einem Gegner, dessen Willen einer anderen Person aufgezwungen wird und bei der er keine Rückzugsmöglichkeit hat – schlimmer noch, eine Person, zu der man in einem engen emotionalen Verhältnis steht. Dabei geht es nie darum, notwendige Grenzen aufzuzeigen und eine konsequente und manchmal auch strenge Erziehung an den Tag zu legen – hier geht es nur darum, dass ein Wille förmlich gebrochen wird.

Allerdings gibt es noch einen weiteren Aspekt, der mir im Zusammenhang mit der Festhaltetherapie sehr quer kommt und die mich daher massiv an Seriösität und Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens zweifeln lässt. Denn wo hört das sich Unterordnen unter einen anderen Willen auf? Wer darf dich festhalten, bis du aufhörst, dich zu wehren, wer dich berühren, obwohl du deutlich machst, dass du es nicht willst? Wo ist der Unterschied im “Nein, ich will das nicht!”? Liegt der Unterschied bei Mama und Papa, bei Oma und Opa, beim netten Nachbarn nebenan oder bei dem Fremden, der jeden Morgen am Schulweg wartet? Und wie bringe ich einem Kind bei, dass manche Menschen einem Berührungen aufzwingen dürfen trotz heftigster Gegenwehr und das okay ist, in anderen Situationen aber doch bitte gerade Gegenwehr gewünscht ist?

Haben sich all die Eltern, die ihr autistisches Kind stundenlang festhalten und jede Abwehr im Keim ersticken wollen, schon mal die Frage gestellt, ob nicht eines Tages jemand kommen könnte, der genau das auch mit ihrem Kind macht. Und mit genau den gleichen Worten behauptet, dass das “schön” sei? Wo ist der Unterschied? Und wenn das Kind bereits früh lernt, dass es gegen die übermächtigen Umarmungen anderer Menschen keine Chance hat – aus welchem Grund sollte es sich in einem Kontext wehren, der nicht mit Liebe und Zuneigung, sondern mit Missbrauch in Zusammenhang steht? Gelernt hat es doch, dass es erst aufhört, wenn es ruhig wird. Mitmacht. Willig ist.

Ich sage nicht, dass die Festhaltetherapie mit sexuellem Missbrauch gleichzusetzen ist. Ich stelle aber die Behauptung in den Raum, dass Art und Vorgehen dieser “Therapie” Missbrauch jeglicher Form Tür und Tor öffnet und die Kinder dann vielleicht das Bedürfnis der Eltern (!) nach Nähe und Kuscheln erfüllen können, zugleich aber einer nicht immer liebenden Welt schutzlos ausgeliefert werden.

Ein “Nein” ist ein “Nein”, immer und jederzeit. Gerade, wenn es um die eigenen körperlichen Grenzen geht. Und für dieses “Nein” sollte es keine Ausnahme geben. Auch bei Autisten nicht.