Fremdbestimmt

Eigentlich will ich diesen Eintrag nicht schreiben. Aber ich sehe mich dazu gezwungen, genötigt.
Seit einigen Wochen scheint es ein Trend zu sein, die Top-Ten der Google-Suchanfragen, über die andere Menschen auf dem eigenen Blog landen, zu posten. Kann ganz witzig sein, dachte ich mir. Als ich in meine Liste schaute, wurde ich allerdings etwas stutzig. Und solch ein Artikel hat nun dazu geführt, dass ich diese Liste, die ein knappes Jahr umfasst, doch poste. Denn das, was die Medien in den heutigen Tagen (allen voran SpOn in mehrfach editierter, überarbeiteter und relativierter Form) berichten, scheint nur ein Echo dessen zu sein, was bereits in Massen in den Köpfen der Menschen herumspukt – und was mithin ein Grund ist, warum ich mich hüte, mich öffentlich zu erkennen zu geben. Witzig ist das sicher nicht.

1. Autzeit
2. Autist gefährlich
3. Breivik Autist
4. Schmetterling von oben
5. Asperger Sadismus
6. Asperger gefährlich
7. Schmetterling schleppt ein Stein
8. Asperger Amoklauf
9. Sind Autisten gefährlich?
10. Asperger Gefahr

Selbst Position 11 (“Gibt es heute Blitzeis in Winnenden?”) hinterlässt einen schalen Geschmack. Des Weiteren lasse ich diese Liste unkommentiert hier stehen, sie spricht in meinen Augen traurigerweise für sich.

Wer wissen will, ob wir Autisten (und ich erlaube mir ausnahmsweise mal, hier von einem “wir” zu sprechen) durchgeknallte potentielle Amokläufer sind (und der Autorin diesen Beitrags hätte eine Rückfrage sicher gut getan – dann hätte man auch bei der korrekten Schreibung des Asbperger-Syndroms behilflich sein können…) , dem sei gesagt: Es ist KEINE Krankheit, die einen Menschen zum Mörder macht. Und genau so wenig, wie es ein “Verbrecher-Gen” gibt, genau so wenig gibt es eine “typische Amokläufer-Krankheit”. Keine Persönlichkeitsstörung, keine Entwicklungsstörung, keine Krankheit und keine Behinderung entbindet eine Gesellschaft von der Verantwortung, die sie gegenüber ihren Mitmenschen und den achtungsvollen Umgang mit eben diesen hat. Und bevor ich mich ganz in Rage schreibe, verweise ich nur noch auf diesen, diesen und diesen Beitrag. Und ich kann es nur noch einmal betonen: Ich bin Autistin und ich ermorde keine Menschen.

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22 thoughts on “Fremdbestimmt

  1. [...] Autisten bloggten schon darüber. Ich kann auch kaum noch mehr dazu schreiben. Realitaetsfilter AutZeit aspergerfrauen quergedachtes Am Abend stelle ich dann fest, dass ein Mitarbeiter von SpOn auf [...]

  2. [...] töte keine Menschen Fremdbestimmt Mein Name ist Sabine und ich bin keine Massenmörderin Autismus: Das Medienbild und die [...]

  3. [...] Autzeit Aspergerfrauen Quergedachtes Realitätsfilter [...]

  4. dieandereperspektive sagt:

    In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass es auch ein Zusammenhang zwischen Antidepressiva (z.B. Valdoxan) und unvermittelten Gewaltausbrüchen gibt. Da das etwas ist, was nicht sein darf, wird man nie etwas darüber lesen werden.

  5. Ausnahmsweise poste ich hier einen Kommentar, den ich auch schon anderswo hinerlassen habe – weil ich hier nun auch nix anderes schreiben würde:

    Dieses Medienereignis ist an mir vorüber gegangen, da ich einen Tag nicht online war. Nun kann ich den Ausgangstext auf SPON nicht mehr selber lesen, da sie ihn offenbar wg. Shitstorm entfernt haben.

    Aber ich kann mir genug aus den erschienenen Postings und Kommentaren zusammen reimen. Und ja, ich finde auch, dass die Sensations-geile Presse, die News aus Nichts kreieren will, um uns Klickvieh Futter zu geben, sich üblerweise keine Gedanken macht, was ihr Zusammengeschustere bewirken mag.

    Dennoch: Ich glaube NICHT, dass es wirklich funktioniert, mittels der bloßen Reihung von wahren oder unwahren Behauptungen (er sei Autist, Asperger oder was auch immer…) das gesellschaftliche Image der jeweils Benannten neu zu definieren!

    Wäre er Moslem gewesen, DANN hätte die Benennung dieses Fakts Gemüts-Wellen verstärkt, die bereits da sind. Aber mal ehrlich: AUTISTEN mit Gewaltbereitschaft zu verbinden .- meint Ihr ernsthaft, das könnte gelingen?

    Autisten – ich kenne keine/n persönlich – haben aus meiner Erfahrung ein ganz ANDERES IMAGE: Irgendwie verrückte Leute, die ein Problem mit Kommunikation und menschlicher Nähe haben, weil ihre Wahrnehmung ihrer selbst und der Welt eine andere ist. Diesem “Nachteil” stehen oft diverse geniale Benefits gegenüber – zumindest in der “kolportierten” gesellschaftlichen Erzählung, die ja auch von Medien der letzten 30 Jahre geschaffen wurde.

    Platt gesagt, ordnet man die Autisten eher den Schüchternen zu, die lieber gar nicht mit der Mitmensch-Welt in unübersichtlichen Kontakt kommen wollen. Sondern sich an irgendwelchen Ordnungen festhalten, seien es wiederholte Verhaltensweisen, Repetieren von Bewusstseinsinhalten oder die Neigung für abstrakte Gedankenwelte wie Schach, Mathematik o.ä.

    Die Autisten umweht ein Geheimnis: “auto” heißt “selbst” – und Autisten sind sich anscheinend selbst genug. Das ist etwas, was “Normalen” nicht so leicht fällt, vorsichtig gesagt – insofern ist der gesellschaftlich Imaginierte Autist auch ein Faszinosum.

    Wie gesagt: ich habe keine Ahnung von realen Autisten. Kenne nicht mal einen Freund, dessen Freund einen Autisten kennt.

    Aber hier geht es ja gerade um ein MEDIEN-Ereignis – genau wie das von mir geschilderte “Bild des Autisten” durch MEDIEN erschaffen wurde.

    Dass eine Autistin bloggt, wundert mich jetzt z.B. – andrerseits auch nicht, weil das ja eine sehr kontrollierte Form des Umgangs mit der Mitmenschwelt ist (die ich selber auch sehr schätze!).

    Langer Rede kurzer Sinn: Ich glaube, Angst ist nicht angebracht. Das etablierte Bild der Autisten ist so FERN von Gewaltbereitschaft, dass ein einziger blöder SPON-Artikel daran nicht wirklich kratzen wird.

    Meine 2%.

    • autzeit sagt:

      Falls sich jemand zu diesem Beitrag von ClaudiaBerlin äußern möchte, bietet es sich an, das hier zu tun. Dort findet sich der gleiche Beitrag und die Autorin ist direkt erreichbar.

  6. [...] mit Autismus: Das Medienbild und die Wirklichkeit Fotobus mit Ich töte keine Menschen Autzeit mit Fremdbestimmt Die Amy bloggt mit OT: Newtown, Connecticut Fuchskind mit Feiertagsblues Peachygals mit Adam Lanza [...]

  7. Asperger-Amok….

    Saubere Arbeit von den Medien. Abgesehen davon, dass das ehemalige Nachrichtenmagazin Asperger/Autismus den Persönlichkeitsstörungen zuordnet (was absoluter Blödsinn ist), ist wieder eine Gruppe von „Psychos……

  8. Tante Jay sagt:

    Das kotzt echt an. Bei jedem Amoklauf wurde erst irgendwas ins Spiel gebracht, was irgendwie nach Outsider klingt.

    Mal warens die “Killerspiele” – nu sinds Menschen mit Asperger. Irgendwo waren auch mal Depressive dazwischen. Hab ich noch ne Gruppe vergessen?

    Im Nachgang hat sich bei ALLEN rausgestellt: Sie hatten Zugang zu Waffen und sie wurden subjektiv gemobbt.

    Wenn wir die Fälle verhindern wollen müssen wir das Umfeld stärker hinterfragen. Wir müssen herauskriegen, was einige Leute austicken läßt und was das verhindern kann. Der Waffenbesitz in Privathand – muss das wirklich sein? Wobei Deutschland hier schon eins der strengsten Gesetze hat. Aber die helfen bei exorbitanter Dummheit des Waffenbesitzers auch nicht weiter.

    Aber nicht hektisch nach “oh, der war ein Psycho” gucken und dann glauben, das wärs gewesen. Hauptsache man hat ne Nachricht gebracht.

    Und die weinenden Kinder vor die Kamera zu zerren und zu befragen ist nur noch widerwärtig.

  9. Hermione sagt:

    Gleich mal via Twitter verbreiten… Echt bitter, wie ein schnell-schnell zusammengestückelter SpOn-Artikel Öl ins Feuer gießt. :/

  10. [...] „War nicht so gemeint, Tschuldigung.“ Das hilft den Tausenden von Betroffenen und deren Angehörigen nicht weiter, wenn bloss die Schlagworte und das Misstrauen bei den Konsumenten hängenbleiben. Bezeichnend die Suchstatistiken bekannterer Autismus-Blogs, wie zum Beispiel hier bei autzeit gefunden: [...]

  11. [...] austicken können und Menschen töten. Wieder ein Leben in Angst vor Anfeindungen. Autzeit hat hier einen Artikel mit den Top-Ten Suchanfragen des Jahres gepostet, der in erschreckender Weise die [...]

  12. [...] am 15. Dezember 2012 mit einem Bericht bei Spiegel-Online begann, zog immer weitere Kreise. Waren es anfangs nur Autisten, die sich gegen die Form der [...]

  13. [...] austicken können und Menschen töten. Wieder ein Leben in Angst vor Anfeindungen. Autzeit hat hier einen Artikel mit den Top-Ten Suchanfragen des Jahres gepostet, der in erschreckender Weise die [...]

  14. Elisabeth sagt:

    Ich habe heute einen Link in mein Blog gesetzt, der auch zu dieser Seite hier führt. Ich hoffe, es ist o.k.
    Ich musste einfach auf einen Artikel im Mühldorfer Anzeiger antworten!
    Danke
    viele Grüsse
    Elisabeth

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