Chaoswelten

Ich wirke ruhig. Sehr ruhig. So ruhig, dass es gefährlich ist, für mich. Wenn mein Außen schweigt, ist das Innen im Chaos. Dann überrennen mich Körperreaktionen, die ich nicht einordnen, nicht benennen, nicht sortieren kann. Ich sage mir meine Tagespunkte laut vor, nur um sie im nächsten Moment zu vergessen. Ich plane alles schriftlich ein, nur um dann den Zettel zu verlegen. Ich beobachte meine Umwelt, bin aber nicht mehr dabei. Ganz ruhig. Fingerschnippen mit der linken Hand. Immer und immer wieder. Ich rede nicht, schaue nur. Und sehe doch nichts. In meinem Kopf stürzen Gedankenspiralen ineinander, verdrehen sich, verquirlen sich, sind nicht mehr zuzuordnen, ergeben heilloses Chaos. Ich kann das nicht. Ich finde die Anschlüsse nicht. Gehe achtlos vorbei an den Dingen, die wichtig sind. Die mir wichtig sind. Sehe nicht mehr.

Ich weiß, wo ich bin. Im Auge des Orkans.

Farbenspiel der Töne

Es gibt etwas in meinem Leben, ohne das könnte ich wohl nicht leben: Die Musik. Nun komme ich immer ins Schleudern, wenn mich jemand nach fragt, welche Musikrichtung ich höre. Denn ich habe keine “Richtung”. Und Musik ist für mich auch etwas, das weit über das reine Hören hinausgeht.

Zum einen gibt es Lieder, die ich als “Wasserlieder” bezeichne. Deren Textur ich wie fließendes Wasser an einer Glasscheibe vor mir sehe. Es gibt zwei Arten davon, die einen, die sanft und gemächlich dahinplätschern und die anderen, die wie ein reißender Bach sind. Die keine Grundfarbe haben, sondern nur diese Wassertextur. Nur ersteres empfinde ich als angenehm, und diese Wasserlieder sind für mich die Perfektion. In meiner Sammlung befinden sich drei Lieder, die tatsächlich Wasserlieder sind. Mehr habe ich bislang noch nicht gefunden.

Und dann ist da die Musik, die ich als “schön” empfinde, die aber nicht perfekt ist. In der sich Farben und Formen in stetigen Mustern bewegen, ineinanderlaufen, verschieben. Manche Gruppen schaffen es, all ihren Liedern eine bestimmte “Grundfarbe” zu geben. Bestimmte Instrumente dominieren ein Stück farblich, wie zum Beispiel Geigen. Geigen alleine mag ich nicht, erst mit der “richtigen” Untermalung mit anderen Instrumenten passt es. Dafür “sehe” ich eine Geige in jedem Orchester heraus.

Manchmal gibt es Lieder, ich von der Machart oder der Frequenz eigentlich gar nicht leiden mag, die aber so tolle Farben haben, dass ich sie mir doch anhören möchte. Interessant ist dabei, dass der visuelle Eindruck der Entscheidende ist: Ein Lied kann mir vom Hören noch so gut gefallen, wenn es farblich “nicht passt”, dann kommt es mir nicht ins Haus. Umgekehrt kann ein Lied rein akustisch aber nicht mein Fall sein, das Farbenspiel bringt mich aber doch dazu, es in meine Sammlung aufzunehmen.

Manche Lieder sind wie ein Sprühregen aus Farben und Formen, andere dominieren mit starken Texturen. Wenn ich Musik höre, dann sehr bewusst. Dann mache ich nichts anderes, sondern beobachte nur das Kommen und Gehen der Farben. Mich nebenbei “berieseln” lassen, das geht hiermit einfach nicht.

Schließlich gibt es noch die “Zauberlieder” – Musik, die einzig dafür geschaffen worden zu sein schien, um beim Hören ganze Landschaften zu “malen”.

Musik ist für mich also mehr als ein Gesamtspiel an Instrumenten und Takten. Viel mehr. Ist eine falsche “Farbe” im Stück, dann ist es vorbei. Aber durch die vielen Farben kommt es auch, dass meine Musikstücke so breit aufgestellt sind: Von Metal/Hard-Rock bis Klassik und Chansons, Schlager bis Pop, Rock und manchmal sogar Hip-Hop – wenn der visuelle Eindruck stimmt, höre ich mir das Lied auch an.

 

 

 

Ein Jahr

Wo ist die Zeit hin? Beim Blick in den Kalendern ist mir in den vergangenen Tagen aufgegangen, dass mein Umzug nun ein Jahr her ist. Das klingt so wenig, die Zeit ist so rasend schnell vergangen. Und wenn ich dann zurückschaue, bin ich doch überrascht, was alles in dieser Zeit geschehen ist. Da war der Punkt, dass ich auf einmal keine Studentin mehr war. Sechs Jahre Arbeit für einen Titel waren vorbei. Und das war ziemlich komisch, bis heute habe ich mich nicht daran gewöhnt. Schäme mich fast dafür.

Der Umzug in den Norden, das Volontariat und dann das Monats-Abo für “Läuft gerade richtig scheiße” nahmen einen Verlauf, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Als ich im August hier ankam, dachte ich nicht, dass ich im Oktober bereits den Gedanken “Kündigung” im Kopf haben werde. Und noch weniger daran, dass ich genau diesen Schritt im Februar gehen werde. Ich habe nicht geglaubt, dass eine seit drei Jahren sorgfältig geplante Idee binnen weniger Wochen platzen und mich nebenbei noch an den Rand meiner Kräfte bringen könnte. Und dass die so niedliche Wohnung hinter der wohlgestrichenen Fassade eine zugige Schimmelbude ist, konnte ich vor dem Winter wohl auch nicht ahnen. Ergo stand in dem Jahr bereits der erste Umzug an. Dabei hatte ich gehofft, dass auch das ein Ende haben wird.

Dann war da noch diese absolut gruselige Betreuerin, die meinte, dass mit der Tatsache, dass ich ihre Klientin bin, auch gleichzeitig meine Wohnung in ihren Besitz übergeht. Und ein “Bitte nicht anrufen” nicht für meine Arbeitsstelle gilt. Immerhin: Nach langem Hin und Her habe ich bei dem doch sehr spärlichen Angebot jemanden gefunden, wo es zu passen scheint. Wo Unterstützung nicht in Übergriffigkeit und Grenzverletzung endet.

Ich habe beobachten müssen, wie mir zunehmend die Tage entgleiten, wie der Alltag ein Kampf um jeden Augenblick wird. Gesundheitlich ging es langsam, aber stetig bergab. Ich habe aber auch erfahren dürfen, dass plötzlich aus der Fremde Menschen auftauchen, die ich tatsächlich “Freunde” nennen darf. Die meine eigene Unzulänglichkeit mit einer unglaublichen Gemütsruhe ertragen und es wahrscheinlich nicht mal so nennen würden. Die mit mir hunderte Kilometer durchs Land fahren, mich scheitern sehen und mir dann trotzdem noch einen Erfolg einreden wollen – alles eine Frage der Perspektive. Die mir ein neues, ein anderes Leben zeigen – ohne etwas zu erwarten. Die irgendwo am tiefsten Abgrund des eigenen Ichs auf einen warten und nicht nur eine Taschenlampe dabei haben, sondern gleichzeitig auch noch den Weg raus kennen. Und selbst die Umwege mitgehen, selbst wenn sie eine Abkürzung wissen. Die mit mir kämpfen und leben wollen und zuversichtlich sind, dass das Kämpfen bald vorbei ist und dann nur noch das Leben folgt. Und zwar ein gutes. Menschen, die mir eine Zuversicht vermitteln, die ich selbst (noch) nicht habe. Und an eine Perspektive glauben, an die ich bislang nicht glauben konnte.

Nun denn. Auf geht’s. Möge das kommende Jahr beginnen.

Stiller Alarm

Hier mal ein kurzer Beitrag in fremder Sache, um eine, wie ich finde, relevante Info “unter die Leute” zu bringen.

Gerade fuhr ich von einem Zeitungstermin zurück, als mich auf der Gegenfahrbahn ein rotes Blinken irritierte. Ich wunderte mich, denn es sah nicht wie das Blinken der typischen Baustellenfahrzeuge aus, aber genau einordnen konnte ich es auch nicht. Erst als der Wagen direkt auf meiner Höhe war, erkannte ich, dass es nicht das Fahrzeug war, das ich meinte, sondern das dahinter: Ein Taxi.

Nun lese ich in verschiedenen Blogs mit, unter anderem auch bei Sash Bors. Und dank ihm weiß ich – wohlgemerkt, auch erst seit einigen Wochen – dass es sich bei diesem roten Blinken um einen stillen Alarm handelt. Wenn der Taxifahrer also in einer Notlage ist, im Wagen aber selbst nicht agieren kann, weil er beispielsweise bedroht wird, dann kann er damit nach außen kenntlich machen, dass er Hilfe braucht.

Die Krux an der Geschichte ist, dass viele Menschen gar nicht wissen, dass dieser Alarm existiert. Auch das klappte quasi sofort in meinem Kopf auf und ich machte also das, was ich ansonsten hasse wie die Pest: Telefonieren. Ganz spontan. Natürlich, NACHDEM ich sofort rechts rangefahren bin. Weil ich davon ausgehen musste (und letztendlich leider Recht hatte), dass es vor und nach mir keiner tun würde, schlicht, weil die Leute es nicht wissen. Aber die Nummer war im Grunde auch ganz einfach: Polizei-Notruf wählen, sagen, wo man steht und dass man ein Taxi mit stillem Alarm gesehen hat, wenn man es hat, Kennzeichen und Taxi-Nummer des Fahrzeugs durchgeben und auch sagen, aus welcher Richtung das Auto kam und in welche Richtung es gefahren ist. Wie bei allem kann es natürlich sein, dass der Fahrer versehentlich an den Knopf gekommen ist. Wenn ich aber bedenke, dass mir bis heute nie ein Taxi mit blinkenden LEDs im Schild aufgefallen ist, halte ich das doch für unwahrscheinlich, es ist also prinzipiell – wie bei jedem Alarm – immer davon auszugehen, dass hier ein Mensch in Not ist. Und dann gehe ich auch nicht davon aus, dass andere das schon richten werden, sondern muss, sollte und will selbst aktiv werden. Selbst dann, wenn für mich von außen betrachtet erst mal keine offenkundige Notlage ersichtlich ist.

Also nicht vergessen: Rot blinkende LEDs oder ein komplett blinkendes Taxi-Schild sind ein Hilferuf. Ruft die Polizei.

Ratlos

Es gibt Zeiten, da traut man seinen Sinnen nicht. Ist verwirrt, suchend, irritiert. Da geschehen Dinge, die man nicht versteht. Die man nie für möglich gehalten hat. Die vielleicht nicht sind. Aber sein könnten. Momente, in denen es so dunkel ist, dass selbst eine Kerzenflamme in den Augen schmerzt. Und die Sonne einen dann fast erblinden lässt. Kann es gleichzeitig dunkel und hell sein? Fragen, die es nie gab. Aber die nun, nachdem sie gestellt wurden, nicht mehr verschwinden wollen.

Da kommt eine unruhige Zeit, die heranzieht wie ein Sturm auf offener See. Und ich frage mich, ob ich darin bestehen kann. Einen sicheren Hafen erreiche. Oder doch kentern werde. Und untergehe. Ich fühle mich wie der Steuermann, der das Unwetter beobachtet und sich fragt, ob das Schiff unter den Füßen tragfähig genug ist. In unbekannten Gewässern, bei Nacht und ohne Sterne als Orientierung.

Segel setzen? Segel streichen? Gleich das Schiff verlassen? Ich bin ratlos.

Wie ist das nun genau mit der Empathie?

Gerade stolperte ich im Netz über diesen, nach meinem Geschmack ziemlich kurz gefassten Blog-Artikel.

Erst war ich überrascht, denn das, was hier als absolute Neuheit verkauft wird, ist mir in den diversen Fachbüchern, unter anderem auch aus Köln, bereits vor zwei Jahren mehrfach begegnet. Aber ich freue mich, dass es auch mal von Nicht-Autisten aufgegriffen wird. Trotzdem haben sich einige Unschärfen in diesem Beitrag eingeschlichen, die ich dann doch gerne ausführlicher “nachschärfen” möchte.

Da sind zum einen die Begriffe “kognitive Empathie” und “emotionale Empathie” (bzw. affektive Empathie). Diese Unterscheidung geht u. A. auf Paul Ekman zurück (dessen Bücher ich nur wärmstens empfehlen kann), ein Forscher, der sich auch sehr intensiv mit Mikro-Expressionen (also Gesichtsausdrücken, die nicht bewusst gesteuert werden können und nur Sekundenbruchteile sichtbar und daher kaum wahrnehmbar sind) beschäftigt hat und Vorbild für die Figur des Dr. Cal Lightmans aus der Serie “Lie to me” ist. Paul Ekman differenziert die kognitive Empathie als den Teil, der uns erkennen lässt, was ein anderer Mensch fühlt (und kein plakatives “wenn wir über einen anderen nachdenken”). Die emotionale bzw. affektive Empathie hingegen lässt uns fühlen, was ein anderer Mensch fühlt. Dieses “Mit-Fühlen” der affektiven Empathie wiederum löst einen Impuls aus, z. B. das Bedürfnis, zu helfen.

Wenn Menschen mit Autismus unterstellt wird, dass sie nicht empathiefähig seien, dann liegt ein Trugschluss vor: Die kognitive Empathie ist der affektiven vorgeschaltet: Erst die Emotion erkennen, dann mitfühlen. Eigentlich logisch. Wenn Menschen mit Autismus nun eben diese Emotionen nicht erkennen, dann können sie erst einmal auch nicht mitfühlen – aber nicht, weil sie dazu grundsätzlich nicht in der Lage sind, sondern schlicht, weil es am Erkennen der emotionalen Zustände anderer hapert.

Jetzt wird es etwas kniffelig: beide “Empathie-Formen” laufen intuitiv ab, auch die kognitive. Nicht-Autisten erkennen relativ fix und ohne großes Nachdenken, was ein anderer Mensch fühlt. Ich wähle hier bei Erklärungen dann gerne die Differenzierung zu “rational”: Wenn ich rational, also Schritt für Schritt und sehr bewusst nachvollziehen kann, was ein anderer Mensch fühlt, reagiere ich genauso empathisch wie andere Menschen auch. Teilweise sogar zu empathisch, wie ich manchmal finde… Und wie bei Nicht-Autisten auch setzt diese affektive Empathie dann zum Beispiel den Impuls zu helfen in Gang. Allerdings wird das dann nur in sehr extremen Fällen auch für mein Gegenüber offensichtlich. Da müssen dann wiederum die Antennen sehr fein sein, damit andere merken, dass ich gerade sehr wohl emotional eingebunden wird. Denn dieses “Mitfühlen” dann auch adäquat und angemessen zeigen, ist wieder eine ganz andere Geschichte.

Die von der Autorin genannte Schwäche im Bereich der Mentalisierung bzw. Theory of Mind (ToM) ist nicht von der Hand zu weisen, hat meines Erachtens (ich lasse mich gerne korrigieren) aber nur in Ansätzen eine Schnittmenge zur Empathie. Unter ToM verbuche ich eher die Fähigkeit, einschätzen zu können, was andere Menschen denken und welche Absichten sie haben, nicht aber, was sie in der konkreten Situation fühlen könnten. Will heißen: Wenn Max einen Schokoriegel kauft, ihn in den roten Schrank legt und dann das Zimmer verlässt, sein Bruder Robin in der Zeit den Schokoriegel aus dem roten in den blauen Schrank legt – dann würde ich in einem ersten Impuls davon ausgehen, dass Max bei seiner Rückkehr den Schokoriegel im blauen Schrank sucht. Warum? Weil ich – hier liegt dann mein “Denkfehler” vor – davon ausgehe, dass Max weiß, dass der Schokoriegel nicht mehr im roten Schrank ist, weil ich es weiß. Ich kann mich also nicht intuitiv in Max’ Situation hineinversetzen und das Wissen, das ich habe, quasi für ihn ausblenden. Ich muss es eher “von hinten” aufdröseln, das braucht seine Zeit. Was bei obigem Beispiel überhaupt nicht vorkommt ist die Frage, was Max wohl fühlen könnte, wenn er den roten Schrank öffnet und den Schokoriegel nicht vorfindet. Das wäre dann wieder der Bereich, der in die Empathie hineingeht, hier wäre eine Schnittmenge. Aber die Theory of Mind ist keinesfalls – wie es im Artikel aufgefasst werden könnte – identisch mit der kognitiven Empathie, sondern ein eigener Bestandteil (Bemerkung am Rande: ich meine, dass dieses ToM-Defizit auch ein Grund dafür ist, warum Autisten selbst dann nicht lügen können, wenn sie es wollten – irgendein Teil von mir geht nämlich immer davon aus, dass mein Gegenüber gerade weiß, wenn ich nicht die Wahrheit sagen würde. Weil mir entgeht, dass ich Dinge wissen könnte, die mein Gegenüber nicht weiß, obwohl ich sie weiß…)

Ergo: Ich suche den Schokoriegel im falschen Schrank (= ToM). Ich kann nicht erkennen, was andere fühlen (= kognitive Empathie). Wenn ich aber weiß, was jemand fühlt (und wenn ich diesen Jemand mag), dann setze ich für diese Person Himmel und Hölle in Bewegung, wenn es sein muss (emotionale/affektive Empathie).