Presseclown

Mein Beruf hat manchmal Vorteile. Zugegeben. Ab und zu gibt es Dinge, die empfinde ich nicht nur als “Arbeit”, sondern die mache ich gerne, darauf freue ich mich auch persönlich. Selbst im einfachen – und oft leider eher eintönigen – Terminjournalismus ist schon mal das eine oder andere Highlight dabei. Es ist aber sicher nicht so, dass man als Journalist nur dazu da ist, sich in tolle Veranstaltungen “umsonst” zu schmarotzen, wie es einige Veranstalter zu glauben scheinen.

Das Wechselspiel zwischen Zeitungsmachenden und ebenjenen Veranstaltern nimmt da teils schon groteske Züge an. Ich erinnere mich da an Pressesprecher, die mir eine Datei schickten mit den Worten: “Kopieren Sie das einfach rein, wir haben den Artikel schon für Sie fertig geschrieben.” Oder an die Dame, die mir den Bericht in die Feder diktieren wollte und das Ganze mit den Worten: “Und das drucken Sie genau so. Schließlich zahle ich als Abonnentin quasi Ihren Job.”

Manchmal hat man Glück und einen Chefredakteur im Rücken, der auf solche Anmaßungen entsprechend reagiert. Manchmal hat man Pech und einen Chefredakteur, der lieber die Anzeigenkunden im Blick hat – was dazu führt, dass sich der Vorstandsvorsitzende der Gänseblümchenzüchter mit sieben Mitgliedern aus Pusemuckel aufführt wie der Papst persönlich.

Und was den Leuten wohl nicht bewusst ist: Auch wenn ich Neutralität wahre, so wirkt sich das Verhalten, dem ich vor Ort begegne, doch ein wenig auf die Berichterstattung aus. Kommt mir jemand sehr blöd, dann komme ich lediglich meiner “Chronistenpflicht” statt: Die Veranstaltung hat stattgefunden. Punkt. Aus. Und manchmal gibt es diesen kleinen Verein, der sich für eine Sache tierisch ins Zeug legt, der große und kleine Berge versetzt und sich einen Keks freut, dass jemand von der Zeitung da auch noch einen Blick drauf wirft. Und ja, die bekommen von mir dann auch mal eine Zeile mehr gegönnt.

Womit man es sich mit mir aber wirklich verscherzen kann: Wenn man mich wie die Pressenutte von nebenan behandelt. Obige zwei Episoden gehören dazu. Ich dachte eigentlich, nach meiner Zeit im Volontariat könnte mich in der Hinsicht auch nichts mehr schocken. Stattdessen kam ich nun in den Genuss, von der Security aus einer Veranstaltung geleitet zu werden.

Ich hatte einen Termin bei einem bekannten Mannheimer Komiker mit türkischen Wurzeln. Brav vorher namentlich akkredditiert, pünktlich in der ausverkauften Arena aufgetaucht. Die Instruktionen der Dame am Eingang: Fotos ohne Blitz, nur in den ersten zehn Minuten der Veranstaltung, ausschließlich von den Notausgängen. Sitzplätze für die Presse nicht vorgesehen. Erstes war in Teilen noch üblich (wenn auch nervig), Sitzplätze standen wohl nur dem zahlenden, nicht aber dem schreibenden Publikum zu. Nun ja. Dann tauchte eine Art russischer Matrjoschka auf, mit einem großen “Security”-Schild auf ihrem noch größeren Rücken. Und teilte mir mit, dass ich meine Kamera zehn Minuten nach Beginn der Veranstaltung bei ihr abzuliefern habe. Diese würde dann am Eingang hinterlegt, ich könne sie abholen, wenn ich ginge. Ich fragte noch einmal nach, weil ich das für einen schlechten Scherz hielt (schließlich war ich bei einem Komiker). Und gleichzeitig machte ich deutlich, dass ich kein Problem damit habe, meine Bilder in den ersten zehn Minuten zu machen, meine Kamera (immerhin das Gerät, mit dem ich meine Miete und meinen Lebensunterhalt verdiene) aber nicht wildfremden Menschen in die Hand drücken und irgendwo offen und “unversichert” lagern lassen werde. “Wenn Sie die Kamera nicht abgeben, müssen Sie die Veranstaltung nach zehn Minuten verlassen”, blaffte Matrjoschka und verschwand. Ich überlegte, ob ich an Halluzinationen leiden würde, tat das Ganze schließlich als übertrieben nachdrückliche Aufforderung, die zehn Minuten nicht zu überschreiten, ab und betrat die ausverkaufte Arena. Pünktlich um 20 Uhr betrat der Hauptakteur die Bühne. Die ersten Bilder waren bereits gute Treffer, weswegen ich die Kamera schon nach fünf Minuten in der Tasche verstaute. Um 20.10 Uhr sah ich Matrjoschka auf der gegenüberliegenden Seite den Saal betreten. Gleichzeitig wies der Comedian auf der Bühne auf das Fotografier-Verbot hin: “Schwachsinn. Ihr seid bei mir. Macht Fotos. Schließlich habt ihr bezahlt”, rief er unter allgemeinem Jubel und Blitzlicht ins Publikum. Gleichzeitig näherte sich mir ein Security-Mann von rechts. Matrjoschka erreichte meinen Standort wenige Sekunden später. “Die Kamera”, forderte sie mit ausgestreckter Hand. Ich verwies darauf, dass die Kamera in der Tasche verstaut sei. “Egal. Entweder Sie geben mir Ihre Kamera jetzt oder Sie gehen.” Im Publikum blitzte es ohne Ende, zahlreiche Handys waren gezückt. Ich erklärte, dass es wohl nachvollziehbar sei, dass ich ein Gerät, das immerhin einen vierstelligen Betrag wert sei, nicht einfach fremden Menschen überlassen könnte und würde. Mehr fiel mir aufgrund der Absurdität der Situation nicht mehr ein. Matrjoschka blieb eisern: “Kamera oder Tschüss.” Der Kollege von der Konkurrenz stand nur wenige Meter entfernt, scheinbar in die gleiche Diskussion mit einer weiteren Security verwickelt. Schließlich reichte er dem Mann seine Kameratasche und dieser verschwand damit durch den Seiteneingang. Nicht mit mir. Meine Kamera ist mir heilig. Die bleibt bei mir. “Dann muss ich Sie bitten, die Veranstaltung umgehend zu verlassen”, sagte Matrjoschka. “Ich bringe Sie zum Ausgang.” Zu zweit (!) wurde ich zum Ausgang geleitet. Falls ich Inhalte aus der Show beschreiben wollte, könne ich ja auf Youtube schauen. Oder in der Pressemeldung. Und so stand ich vor der Tür. Nach 16 Jahren in dem Beruf wurde ich erstmals aus einer Veranstaltung geschmissen – und dabei hatte ich es nicht mal drauf angelegt.

Drinnen filmten und fotografierten die Zuschauer bei guter Stimmung weiter. Und erst auf dem Heimweg ging mir mein Fehler auf, der “Künstler” hatte es ja selbst gesagt: Ich habe nicht bezahlt. Ich war ja nur ein sich Eintrittskarten schmarotzender Schreiberling.

Ich halt dich fest, bis du aufhörst

Vor wenigen Tagen zog eine Seminarteilnehmerin bei der beschriebenen positiven Wirkung schwerer Decken bei autistischen Menschen einen – in meinen Augen – Fehlschluss. Zur Festhaltetherapie. Immer wieder taucht im Zusammenhang mit Autismus diese Therapieform auf, bei der Kinder, die keine Berührungen erdulden oder ertragen, so lange festgehalten werden, bis sie sich nicht mehr wehren. Damit sind häufig heftigste Schreiereien, massive Gegenwehr und tiefe Erschöpfungszustände verbunden. Spricht man mit Autisten, die in den “Genuss” dieser Therapie kamen, so beschreiben fast alle dieses Ereignis als traumatisch.

Die Ärzte und Therapeuten, die so behandeln, sind der Meinung, dass autistische Kinder, die berührungsempfindlich sind, desensibilisiert werden müssten. Wenn sie irgendwann aufhören, zu schreien, sei dies ein Zeichen, dass sie merken, dass die Berührung ja “doch nicht so schlimm” sei. Fragt man auch hier wieder einmal die Betreffenden an, hört sich das anders an. “Es hätte keinen Sinn gehabt, mich zu wehren”, sagte mir eine Autistin. “Da war jemand Übermächtiges und ich konnte irgendwann nur noch aufgeben.” Das Ruhig-Werden ist demnach reine Resignation, eine Kapitulation vor einem Gegner, dessen Willen einer anderen Person aufgezwungen wird und bei der er keine Rückzugsmöglichkeit hat – schlimmer noch, eine Person, zu der man in einem engen emotionalen Verhältnis steht. Dabei geht es nie darum, notwendige Grenzen aufzuzeigen und eine konsequente und manchmal auch strenge Erziehung an den Tag zu legen – hier geht es nur darum, dass ein Wille förmlich gebrochen wird.

Allerdings gibt es noch einen weiteren Aspekt, der mir im Zusammenhang mit der Festhaltetherapie sehr quer kommt und die mich daher massiv an Seriösität und Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens zweifeln lässt. Denn wo hört das sich Unterordnen unter einen anderen Willen auf? Wer darf dich festhalten, bis du aufhörst, dich zu wehren, wer dich berühren, obwohl du deutlich machst, dass du es nicht willst? Wo ist der Unterschied im “Nein, ich will das nicht!”? Liegt der Unterschied bei Mama und Papa, bei Oma und Opa, beim netten Nachbarn nebenan oder bei dem Fremden, der jeden Morgen am Schulweg wartet? Und wie bringe ich einem Kind bei, dass manche Menschen einem Berührungen aufzwingen dürfen trotz heftigster Gegenwehr und das okay ist, in anderen Situationen aber doch bitte gerade Gegenwehr gewünscht ist?

Haben sich all die Eltern, die ihr autistisches Kind stundenlang festhalten und jede Abwehr im Keim ersticken wollen, schon mal die Frage gestellt, ob nicht eines Tages jemand kommen könnte, der genau das auch mit ihrem Kind macht. Und mit genau den gleichen Worten behauptet, dass das “schön” sei? Wo ist der Unterschied? Und wenn das Kind bereits früh lernt, dass es gegen die übermächtigen Umarmungen anderer Menschen keine Chance hat – aus welchem Grund sollte es sich in einem Kontext wehren, der nicht mit Liebe und Zuneigung, sondern mit Missbrauch in Zusammenhang steht? Gelernt hat es doch, dass es erst aufhört, wenn es ruhig wird. Mitmacht. Willig ist.

Ich sage nicht, dass die Festhaltetherapie mit sexuellem Missbrauch gleichzusetzen ist. Ich stelle aber die Behauptung in den Raum, dass Art und Vorgehen dieser “Therapie” Missbrauch jeglicher Form Tür und Tor öffnet und die Kinder dann vielleicht das Bedürfnis der Eltern (!) nach Nähe und Kuscheln erfüllen können, zugleich aber einer nicht immer liebenden Welt schutzlos ausgeliefert werden.

Ein “Nein” ist ein “Nein”, immer und jederzeit. Gerade, wenn es um die eigenen körperlichen Grenzen geht. Und für dieses “Nein” sollte es keine Ausnahme geben. Auch bei Autisten nicht.

Zweifel

In der Schulzeit fand ich sie so ätzend: Diese Mitschüler, die in eine zweistündige Klausur gehen und nach 30 Minuten ihr Aufgabenblatt abgeben, locker lässig den Raum verlassen und vier Wochen später eine glatte 1 in die Hand gedrückt bekamen. Selbst, wenn ich früher fertig war, habe ich es nie gewagt, so demonstrativ früh zu gehen.

Nun hatte ich eine wichtige Prüfung, die auch über meine weitere Zukunft entscheiden wird und mich beruflich und privat einen gewaltigen Sprung nach vorne bringt. Die “Prüfungsvorbereitung” war begleitet von einem konsequent schlechten Gewissen. Ich weiß, dass andere zwei und mehr Jahre Zeit in die Lerninhalte stecken, Schulungen besuchen, Lerngruppen machen. Ich weiß, dass all das oftmals Beträge im fünfstelligen Bereich verschlingt. Und ich kam mir unglaublich überheblich vor, weil ich mir vorgenommen hatte, all das NICHT zu machen. Ich kaufte ein Buch. Setzte mich fünf Tage vor der Prüfung hin und las es durch. Kämpfte mehr mit Formalitäten zur Prüfungszulassung als mit Inhalten. Schaute Filme, putzte die Wohnung, blätterte noch mal in ein oder zwei Kapiteln nach, machte aber – objektiv betrachtet – nichts. Am Morgen der einstündigen schriftlichen Prüfung stand ich zwischen zahlreichen älteren Damen, die sich darüber unterhielten, wie viele Bücher sie bestellt, wie viele Youtube-Videos sie gelesen, wie viele Stunden sie gelernt haben. Vier Wochen Urlaub nur zum Lernen, nach zweijähriger Vorbereitung. In mir kamen Zweifel auf. Ja, ich habe ein hervorragendes Gedächtnis. Ist es überheblich, sich darauf zu verlassen? Vielleicht kommt jetzt endlich der Fall, wo ich mal damit auf die Nase falle, weil nur “gut merken” nicht ausreicht.

Statt einer Stunde war ich nach 15 Minuten wieder aus der Prüfung draußen. Schon währenddessen hatte ich bemerkt, dass die Aufsicht meinen Ausweis in den Händen hielt, mit der Kollegin tuschelte, immer wieder in meine Richtung schaute. Ich war zu schnell. Dabei musste ich nur Kreuzchen setzen. 28 Fragen, eine Stunde Zeit, das schien mir vorher schon viel zu überzogen. Ein Blick zur Nachbarin belehrte mich eines Besseren: Sie kritzelte wild auf dem Schmierpapier, blätterte vor, blätterte zurück, hatte erst vier der Fragen beantwortet. Wieder kamen Zweifel. Ist das fair, was ich hier mache? 270 Seiten gegen zwei Jahre?

Die Fragen durfte ich mit nach Hause nehmen. Und habe – natürlich – sofort meine Antworten kontrolliert. Und mich danach erst recht gefragt: ist das fair? Ich sollte mich freuen, dass ich bestanden habe. Stattdessen frage ich mich, ob ich arrogant und überheblich bin, weil ich nicht die Zeit und Mühe investiere, die andere investieren. Ob ich mir Dinge anmaße, weil sie mir in bestimmten Bereichen einfach “zufliegen”. Ist deren Bestehen nicht weit wertvoller und richtiger als meines?

 

Hochbegabung

In den vergangenen Wochen fallen mir zunehmend Berichte auf, die sich mit dem Thema Hochbegabung beschäftigen. Das bewegt mich nun zu diesem sehr subjektiven Blogbeitrag, der einzig, allein und ausschließlich meine persönliche Meinung wiedergibt. In diesen Berichten scheint es vor allem zwei Tendenzen zu geben: 1. Hochbegabung ist toll, das hätten wir alle gerne. 2. Hochbegabung ist toll, nur sozial sind die etwas schwierig. Hätten wir trotzdem alle gerne.

Da gibt es Helikoptereltern, die bereits pränatal wissen, dass ihr Kind hochbegabt ist, weil sie den IQ über den Muttermund messen können. Dann gibt es Kinder, die durch abertausende Förderprogramme geschleift werden, weil sie doch bitte endlich mal ihre eindeutig vorhandene Hochbegabung ausspielen sollen. Und dann gibt es verzogene Kinder, deren Hochbegabung nicht zur Entfaltung kommt, weil die Ärzte, Lehrer, Pädagogen “zu dumm für das Kind” sind.

Irgendwo in diesem ganzen Chaos gibt es sie allerdings wirklich – die Hochbegabten. Die mittels eines amtlichen IQ-Tests einen Wert von 130 und mehr Punkten erreichen und somit zu zwei Prozent der Bevölkerung zählen, die – ja, was? In einem IQ-Test einen Wert über 130 Punkten erzielen. Interessant: Formal gesehen gehören sie zu einer Minderheit. Eine Minderheit mit Eigenschaften, diegesellschaftlich nicht erstrebenswert sind, wird diskriminiert (Rollstuhlfahrer, Autisten, Gehörlose, Homosexuelle, und so weiter und so fort). Eine Minderheit mit Eigenschaften, die gesellschaftlich als erstrebenswert gelten, wird landläufig als “Elite” bezeichnet. WTF?

Ich habe mich notgedrungen mit diesem Thema beschäftigen müssen, denn in meiner Schulzeit sollte auch ich an so einem Test teilnehmen. Ich wusste nicht einmal, um was es geht – und erreichte einen Wert um die 150. “Damit geht man nicht hausieren, behalt das schön für dich”, hieß es danach. Ich will es aber nicht mehr für mich behalten. Nicht, weil ich auf diesen Wert stolz bin – schließlich kann ich nichts dafür. Sondern, weil ich in eine gesellschaftliche Maschinerie geraten bin, die so krank und abartig ist, dass ich das nicht einfach hinnehmen oder gar als erstrebenswert stehen lassen möchte. Nach dem Test konnte ich gar nicht so schnell schauen, da war ich in “Förderprogrammen” drin (die “Elite-Schule” konnte ich gerade noch so abwiegeln, ich war so “blockiert”, dass ich mein Abi in den drei verbliebenen Jahren und nicht in einem machen wollte…). Allesamt von Unternehmen gesponsort, die ein Ziel hatten: Potentiell hochleistungsfähige Mitarbeiter rekrutieren. Einer der Schlüsselmomente war, als ein Philosophieprofessor (“Mein guter Freund Martin Heidegger…” – “Manchmal haben Martin und ich gemütlich Wein getrunken und dabei…”) einer Jugendakademie am Fenster stand, auf die Innenstadt blickte und sagte: “Wenn ich aus dem Fenster sehe, dann sehe ich nur dumme Menschen. Aber hier, hier sitzt die Elite.” Der Habitus, der dahintersteckte, löste bei mir dann doch einen Würgereiz aus.

Was bedeutet dieses Wort “Hochbegabung” denn nun für mich? Es heißt, dass ich Inhalte sehr schnell erfasse. Und mir sehr gut merken kann. Dass ich analytisch Dinge schnell durchdenke, dass mir Fehler auffallen, ich Prozesse durchblicke und mich sehr schnell einfinden kann. Es heißt auch, dass mir die Geduld mit anderen Menschen manchmal fehlt, wenn sie irgendetwas partout nicht verstehen wollen, obwohl es offenkundig (für mich) ist. Es heißt auch, dass mir Dinge oft viel zu langsam gehen, weil ich schneller als andere arbeite und mehrere Ebenen mit in mein Handeln einbeziehe. Es heißt, dass ich nicht einfach handeln, sondern viel zu viel denken muss. Dass ich mich schnell langweile – und Langeweile auf Dauer macht krank. Das gilt für alle Menschen. Und sicher, es hilft mir, die typischen autistischen Symptome im Alltagskontext zumindest in Teilen zu kaschieren. Nebenbei bemerkt: Trotz zweifach bestätigter Hochbegabung bin ich trotzdem nicht in der Lage, Zahlen ohne Anstrengung korrekt ohne Zahlendreher aufzuschreiben. Und das bereits im zweistelligen Bereich.

Es heißt aber auch, dass es ein Doppelleben ist. Denn einerseits kann ich in herkömmlichen Kontexten nicht das leisten, was vielleicht ginge, weil die Rahmenbedingungen nicht passen. Also schraubt man sich selbst ständig herunter, baut Fehler ein, weiß vermeintlich Dinge nicht, obwohl man sie weiß. Warum? Weil man mittelfristig nur Ärger bekommt, Neid, Missgunst, Beschimpfungen. Die einem suggeriert, dass man ein schlechter Mensch ist, weil man Dinge, für die andere sechs Monate brauchen, in wenigen Tagen erledigt. Und dann gibt es noch die andere Seite, die sich “Förderung” auf die Fahnen geschrieben hat. Per se ja nicht mal verkehrt – allerdings ist mir persönlich noch keine “uneigennützige Förderung” untergekommen. Das Prinzip war immer gleich: “Wir beschäftigen dich geistig und dafür stellst du uns dein Potential zur Verfügung. Wir schauen nicht nach Stärken und Schwächen, sondern wir entscheiden, dass du alles kannst. Schließlich bist du ja hochbegabt. Parallel suggerieren wir, dass du aber trotzdem zu dumm für diese Welt bist, damit du nicht auf die Idee kommst, unseren Standpunkt in Frage zu stellen.” Überspitzt formuliert…

So kommt man sich dann schnell vor wie das Melkvieh der Nation. In die Pflicht genommen, der “Gesellschaft zu nutzen”, weil man einen IQ über 130 hat. In all den Jahren, in denen ich in diversen Förderprogrammen war, ist mir eine Frage allerdings nie gestellt worden: “Willst du das überhaupt?” Habe ich verweigert, galt ich als “Underachiever” und behandlungsbedürftig. Habe ich brav nach der Pfeife der Förderer getanzt, war ich eine gute, glückliche und optimal geförderte Hochbegabte, die ihre  150 IQ-Punkte der Wirtschaft, der Gesellschaft und Hinz und Kunz zur Verfügung stellt.

Dieses Schielen rein nach einem IQ-Wert geht mir – gelinde gesagt – irrsinnig auf den Keks. Denn dieser Wert sagt nur etwas über die “Hardware” eines Menschen aus, gibt aber null Aufschluss über die Software. Die höchte Intelligenz nützt nichts, wenn das Herz hinter dem Kopf das eines Sadisten ist. Und wenn ausgerechnet der weiß, wie der die “Hardware” zu nutzen hat, dann hat man ein Problem.

Meine Überzeugung ist zwischenzeitlich, dass dieser Test-Wert vollkommen unerheblich ist. Und dass der Hype darum vor allem von Leuten produziert wird, die gerne solche Test-Ergebnisse hätten, aber nicht wirklich wissen, was – zumindest in der heutigen Zeit – das für Folgen hat. Die glauben, viel Intelligenz heißt gleichzeitig viel Erfolg, viel Geld und viel Glück. Wenn ich aber anfange, Kinder nur noch über ihren IQ-Wert zu definieren, dann vermittle ich doch vor allem eine Botschaft: “Du bist nur liebenswert, wenn du etwas leistest.” Das hochbegabte Kind, das gerne im Sand wühlt, ist aber vollkommen in Ordnung. Es muss nicht Geige lernen, in der vielleicht langweiligen Schnellkopfrechen-Förder-AG sein oder 72 gesellschaftstaugliche Hobbys vorweisen. Und es muss auch nicht auf Teufel komm raus den Stempel “hochbegabt” verpasst bekommen, wenn es glücklich und zufrieden ist und die Möglichkeit hat, sich zu entfalten. Ganz ohne Förderwut. Ebenso das normalbegabte Kind, das unbedingt Schach spielen möchte, obwohl es die Regeln nicht wirklich versteht. Dem “Das kannst du nicht” ist da ein viel Wichtigeres “Wenn du es gerne machst, dann mach” entgegenzusetzen. Der Schaden, den man aber anrichtet, wenn man dem Kind permanent eintrichtert, dass es eigentlich viel zu intelligent für diese Welt ist und nur maximale Förderung, aber bitte kein Kind-Sein braucht – das ist fatal. Ist aber wahrscheinlich nicht einfach in einer Werte-Gesellschaft, in der Leistung über Menschlichkeit steht.

Chaoswelten

Ich wirke ruhig. Sehr ruhig. So ruhig, dass es gefährlich ist, für mich. Wenn mein Außen schweigt, ist das Innen im Chaos. Dann überrennen mich Körperreaktionen, die ich nicht einordnen, nicht benennen, nicht sortieren kann. Ich sage mir meine Tagespunkte laut vor, nur um sie im nächsten Moment zu vergessen. Ich plane alles schriftlich ein, nur um dann den Zettel zu verlegen. Ich beobachte meine Umwelt, bin aber nicht mehr dabei. Ganz ruhig. Fingerschnippen mit der linken Hand. Immer und immer wieder. Ich rede nicht, schaue nur. Und sehe doch nichts. In meinem Kopf stürzen Gedankenspiralen ineinander, verdrehen sich, verquirlen sich, sind nicht mehr zuzuordnen, ergeben heilloses Chaos. Ich kann das nicht. Ich finde die Anschlüsse nicht. Gehe achtlos vorbei an den Dingen, die wichtig sind. Die mir wichtig sind. Sehe nicht mehr.

Ich weiß, wo ich bin. Im Auge des Orkans.

Farbenspiel der Töne

Es gibt etwas in meinem Leben, ohne das könnte ich wohl nicht leben: Die Musik. Nun komme ich immer ins Schleudern, wenn mich jemand nach fragt, welche Musikrichtung ich höre. Denn ich habe keine “Richtung”. Und Musik ist für mich auch etwas, das weit über das reine Hören hinausgeht.

Zum einen gibt es Lieder, die ich als “Wasserlieder” bezeichne. Deren Textur ich wie fließendes Wasser an einer Glasscheibe vor mir sehe. Es gibt zwei Arten davon, die einen, die sanft und gemächlich dahinplätschern und die anderen, die wie ein reißender Bach sind. Die keine Grundfarbe haben, sondern nur diese Wassertextur. Nur ersteres empfinde ich als angenehm, und diese Wasserlieder sind für mich die Perfektion. In meiner Sammlung befinden sich drei Lieder, die tatsächlich Wasserlieder sind. Mehr habe ich bislang noch nicht gefunden.

Und dann ist da die Musik, die ich als “schön” empfinde, die aber nicht perfekt ist. In der sich Farben und Formen in stetigen Mustern bewegen, ineinanderlaufen, verschieben. Manche Gruppen schaffen es, all ihren Liedern eine bestimmte “Grundfarbe” zu geben. Bestimmte Instrumente dominieren ein Stück farblich, wie zum Beispiel Geigen. Geigen alleine mag ich nicht, erst mit der “richtigen” Untermalung mit anderen Instrumenten passt es. Dafür “sehe” ich eine Geige in jedem Orchester heraus.

Manchmal gibt es Lieder, ich von der Machart oder der Frequenz eigentlich gar nicht leiden mag, die aber so tolle Farben haben, dass ich sie mir doch anhören möchte. Interessant ist dabei, dass der visuelle Eindruck der Entscheidende ist: Ein Lied kann mir vom Hören noch so gut gefallen, wenn es farblich “nicht passt”, dann kommt es mir nicht ins Haus. Umgekehrt kann ein Lied rein akustisch aber nicht mein Fall sein, das Farbenspiel bringt mich aber doch dazu, es in meine Sammlung aufzunehmen.

Manche Lieder sind wie ein Sprühregen aus Farben und Formen, andere dominieren mit starken Texturen. Wenn ich Musik höre, dann sehr bewusst. Dann mache ich nichts anderes, sondern beobachte nur das Kommen und Gehen der Farben. Mich nebenbei “berieseln” lassen, das geht hiermit einfach nicht.

Schließlich gibt es noch die “Zauberlieder” – Musik, die einzig dafür geschaffen worden zu sein schien, um beim Hören ganze Landschaften zu “malen”.

Musik ist für mich also mehr als ein Gesamtspiel an Instrumenten und Takten. Viel mehr. Ist eine falsche “Farbe” im Stück, dann ist es vorbei. Aber durch die vielen Farben kommt es auch, dass meine Musikstücke so breit aufgestellt sind: Von Metal/Hard-Rock bis Klassik und Chansons, Schlager bis Pop, Rock und manchmal sogar Hip-Hop – wenn der visuelle Eindruck stimmt, höre ich mir das Lied auch an.